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  • Eine kritische Bedeutungslehre
  • Neomoderne


Unter ‚Wissenschaftslehre’ wird der unbefangene Leser zunächst so etwas  wie Logik der Wissenschaften verstehen. So hat es auch die Witwe von Max Weber gebraucht, als sie die wissenschaftslogischen Schriften ihres Mannes herausgab. Sie selbst hatte den Ausdruck aber von Johann Fichte. Der verstand darunter die kritische Philosophie selbst, das „Wissen vom Wissen“; und das war für ihn die ganze Philosophie.


Hat der Hirnforscher die Transzendentalphilosophie überholt?

Eine kritische Bedeutungslehre



 

Einen Akt der Freiheit begreifen wollen
ist absolut widersprechend. Eben wenn sie es
begreifen könnten, wäre es keine Freiheit.
J. G. Fichte

Die größte Kunst im Lehr- und Weltleben
besteht darin, ein Problem in ein Postulat
zu verwandeln, damit kommt man durch.
Goethe

Das Ich tritt dadurch in die Philosophie

ein, dass die Welt 'meine Welt' ist

L. Wittgenstein

Only those who attempt the absurd will achieve the impossible.
M. C. Escher



Die Spatzen brüllen es vom Dach: Die Hirnforschung hat uns eine Revolution beschert. Die Freiheit des Willens ist widerlegt, das Ich liegt bei den Akten. Ein neues Menschenbild? betitelt ihr Wortführer eins seiner Bücher.[1]

l. Lange sah es aus, als sei die Hirnforschung im Begriff, auf empirischen Wegen die Themen der transzendentalphilosophischen Erkenntniskritik für sich neu zu entdecken. Denn ‚empfangen’ würden von unserm Gehirn, so heißt es, immer nur einzelne Sinnesreize. Diese zu einer bedeutungsvollen Einheit zusammenzufassen, sei dessen eigene Leistung, die den Sinnesreizen gewissermaßen ‚vorausgeht’.


"Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben werden, die bloß sinnlich, i.e. nichts als Empfänglichkeit ist. Allein die Verbindung eines Mannigfaltigen überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen, und kann also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit enthalten sein, denn sie ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", hieß es in der Kritik der reinen Vernunft.[2]

"Einzelne Neurone repräsentieren durch den Grad ihrer Aktivierung lediglich elementare Objektmerkmale, keine komplexe Merkmalskonstellationen", schreibt jetzt Wolf Singer.[3] "Jede Zelle interagiert mit etwa zwanzig bis dreißigtausend anderen.[4] Die Information über komplexe Objekte wird im Gehirn in jedem Fall arbeitsteilig durch sehr viele Neurone analysiert, von denen jedes durch seine Aktivierung jeweils nur einen relativ kleinen Teilaspekt der Objektbeschaffenheit kodiert. Diese jeweils für ein Merkmal zuständigen Neurone [sind] nicht etwa in einem eingegrenzten Hirnareal aufzufinden, sondern über ausgedehnte Hirnareale verteilt. Objekte [werden] nicht durch die Aktivität einzelner oder sehr weniger Neurone in der Hirnrinde repräsentiert, sondern durch ausgedehnte und über weite Bereiche verteilte Neuronenverbände - sogenannte Assemblies."[5]


Das bedeute, "daß die Verschaltungsarchitektur eine ganz wesentliche Determinante für Hirnfunktionen [ist]. Hier liegen die meisten Freiheitsgrade, da die Funktionen einzelner Nervenzellen recht stereotyp sind.[6] Die Spezifizität der Hirnfunktionen beruht ausschließlich auf der Architektur der Verbindungen zwischen Nervenzellen. Das Programm [des Gehirns] residiert praktisch in dieser Architektur der Verbindungen und in deren Gewichtung, die in den Grundzügen genetisch vorgegeben wird. Sie speichert gewissermaßen die während der phylogenetischen Entwicklung gewonnene Erfahrung über das Sosein der Welt.[7] Wir kommen mit erheblichem Vorwissen über die Welt in diese."[8]

Dieses Vorwissen über die Welt ist nicht positiv als ‚Information’ kodiert, sondern problematisch: "Vom nur teilweise vorgefertigten Gehirn wird also eine Vielzahl von Fragen an die Welt gestellt, deren Beantwortung zu Strukturänderungen führt. Das Gehirn interpretiert.[9] [Daraus folgt,] daß Wahrnehmung nicht als passive Abbildung von Wirklichkeit verstanden werden darf, sondern als das Ergebnis eines außerordentlich aktiven, konstruktivistischen Prozesses gesehen werden muß, bei dem das Gehirn die Initiative hat.[10] Das Gehirn ist nie ruhig, sondern generiert ständig hochkomplexe Erregungsmuster, auch wenn Außenreize fehlen.[11] [Es] bildet ständig Hypothesen darüber, wie die Welt sein sollte, und vergleicht die Signale von den Sinnesorganen mit diesen Hypothesen. Finden sich die Hypothesen bestätigt, erfolgt die Wahrnehmung nach sehr kurzen Verarbeitungszeiten. Treffen sie nicht zu, muß das Gehirn seine Hypothesen korrigieren, was die Reaktionszeiten verlängert."[12]


Der alte Streit zwischen Idealismus und Realismus wäre empirisch endgültig entschieden: 'Wahr'nehmen ist nicht aufnehmen, sondern ein "Verifizieren vorausgeträumter Hypothesen".[13] Die apriorische Synthesis, die die neuronalen Signale zu einer sinnvollen Wahrnehmung 'bedeuten', "ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft", der "nicht durch Objekte gegeben, sondern nur vom Subjekte her verrichtet werden kann".[14]

Dennoch siegt bei Wolf Singer nicht Kant, sondern Spinoza: "Im Bezugssystem neurobiologischer Forschung gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene."[15]Was ihm im Bezugssystem neurobiologischer Forschung offenbar niemand bestreitet und was außerhalb dieses Bezugssystems ihm zu bestreiten niemand nötig hat, will Wolf Singer aber innerhalb dieses Bezugssystems nicht belassen: "Die Annahme, wir seien voll verantwortlich für das, was wir tun, weil wir es ja auch hätten anders machen können, ist aus neurobiologischer Perspektive nicht haltbar. Neuronale Prozesse sind deterministisch. Dieses Wissen muß Auswirkungen haben auf unser Rechtssystem, auf die Art, wie wir Kinder erziehen und wie wir mit Mitmenschen umgehen."[16]

ll. Wie kam es zu dieser Wendung? Anlaß war "das so genannte Bindungsproblem"[17]; der Umstand nämlich, daß die Forscher keine 'Stelle' finden können, an der die Synthesis vollzogen wird. Da sitzt kein Richter, der 'jetzt' sagt und 'es gilt'. "Die Ergebnisse der vielen, gleichzeitig ablaufenden Sinnesfunktionen werden parallel an die ebenfalls zahlreichen exekutiven Zentren weitergegeben, ohne daß vorher alle Informationen an einem Ort zusammengeführt würden. Wie dennoch ganzheitliche Wahrnehmung und wohl koordinierte Bewegungen zustandekommen, ist unklar. Es muß Metarepräsentationen für die Ergebnisse dieser Teilprozesse geben, doch diese können ebenfalls nur nichtlokale Gebilde sein, also wiederum einem distributiven Prinzip folgen. Wir vermuten, daß die Einbindung verteilter Neuronengruppen in diese Metarepräsentationen durch zeitliche Synchronisation neuronaler Antworten erfolgt."[18] Es sei "eine Illusion, daß wir im Gehirn ein Kommandozentrum haben, in dem das Ich residiert und wertet, entscheidet und befiehlt. Stattdessen müssen wir uns das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken".[19]

Zur Frage nach dem Ich trägt das "so genannten Bindungsproblem" aber überhaupt nicht bei. Denn was würde sich ändern, wenn die Hirnforscher ein 'Zentrum' hätten lokalisieren können? Gar nichts. Wolf Singer würde sagen, daß die "Ursache für die je folgende Handlung der vorangehende Gesamtzustand" - nicht des Gehirns, sondern eben – 'des Zentrums' ist.[20] Ob es sich, empirisch betrachtet, um einen systemischen Prozeß oder um einen punktuellen Akt handelt, spielt für die Frage der Spontaneität der Synthesis überhaupt keine Rolle - sondern nur, ob er von einem Anderen 'determiniert' werden kann. Das hat Wolf Singer zwar bisher nicht behauptet, vor so viel Kehrtwendung scheut er zurück. Es läuft aber darauf hinaus, er hat es bloß noch nicht gemerkt. Denn was er wirklich sagen will, ist dies: daß eine bestimmte neuronale Verschaltung einen bestimmten Vorstellungsgehalt 'determiniert'. Auf etwaige 'neuronale Korrelate für Sinngehalte' angesprochen, erklärt er, "daß unterschiedlichen Gedanken verschiedene neuronale Aktivitätsmuster zugrunde liegen. Kein Gedanke ohne Substrat. Allem, was begrifflich trennbar ist, müssen unterschiedliche Gehirnzustände entsprechen."[21] Dies ist der einzige rationelle Sinn, den die Rede von 'Determination' in diesem Zusammenhang haben kann: daß die Bedeutungen "Abbilder" von Sachverhalten sind. Den Realismus, den er vorne ausgetrieben hat, holt er hinten wieder rein. Denn daß der Sachverhalt, der 'abgebildet' wird, (einstweilen noch) "innen" ist und nicht "außen", ist sekundär. Ausschlaggebend ist, daß der 'Umschlag' oder 'Übergang' vom (physiologischen) Fakt zu (logischem) Sinn ein stetiger ist: Denn bei Naturvorgängen "gibt es nirgends Sprünge".[22]

lll. Folglich bestreitet Wolf Singer dem Ich nicht allen Sinn. "Wir wissen aus der Psychopathologie, was passiert, wenn ein Konstrukt wie der freie Wille zusammenbricht."[23] Da wir ihn als wirklich erleben, muß ihm auch etwas zugrundeliegen: "Dennoch beruht unsere Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Ich halte sie für eine kulturelle Konstruktion. Sie muß sich also irgendwann im Laufe unserer kulturellen Evolution ausgebildet haben."[24] Das wird man ihm nicht bestreiten wollen. Noch entschiedener könnte man ihm beipflichten, hätte er hinzugefügt: so wie unsere Vorstellungen von 'Determination', 'Kausalität', 'Stetigkeit' auch.* Mit Jürgen Habermas zu reden: "Die Leistungen des transzendentalen Subjekts haben ihre Basis in der Naturgeschichte der Menschengattung"[25] - denn diese Naturgeschichte ist, seit sie Menschen-Gattung ist, Kulturgeschichte.

Maturana ist nicht Kant, konstruktivistische Redensarten können die Transzendentalphilosophie nicht erübrigen. Bewähren muß sie sich allerdings selbst. Der naiv realistische Angriff des Hirnphysiologen, der sich selber nicht versteht, ist dazu die gegebene Herausforderung. Das immerhin ist sein Verdienst.

Es ist nicht wahr, daß es in der wirklichen Welt keine Sprünge gibt. Den bedeut-samsten 'Sprung' tragen wir alle in unserm Bewußtsein. Uns ist nämlich die Welt gewissermaßen "zweimal gegeben". Das einemal als unabsehbarer Strom von Erscheinungen, das andre Mal als ein Tableau von Bedeutungen. Diese Verdoppelung gehört zum Proprium humanum. Sobald wir reflektieren, fällt uns die Welt auseinander. Das ist die Spur, die der Hiatus unserer Gattungsgeschichte im Menschenhirn hinterlassen hat.

Auch das Tier lebt in Bedeutungen. 'Erscheinungen' nimmt es gar nicht 'wahr'. Aber die Bedeutungen "erscheinen" ihm; immer hier und jetzt: Sie bilden sich ihm nicht zum Tableau. Wie ist es zum Bruch zwischen dem Tableau (der transzendentalen Synthesis) und den Erscheinungen (dem Mannigfaltigen der Sinne) gekommen? Woher kam die Reflexion? Oder, wie Fichte fragt: wie ist die Vernunft in die Welt gekommen? "Aus nichts wird nichts!"[26]

Es ist ein Mißverständnis, daß die Transzendentalphilosophie mit dem Empirischen gar nichts zu tun hätte. Würde sie von etwas handeln, das nicht wirklich ist, wäre sie überflüssig. Würde sie allerdings von etwas Wirklichem handeln, von dem wir Erfahrung haben können; wenn also die Hirnphysiologen nicht nur die elektrochemischen Vorgänge im Gehirn beobachten, sondern auch darstellen könnten, was sie jeweils bedeuten -, wäre sie nicht bloß überflüssig, sondern widersinnig. Die Transzendentalphilosophie rekonstruiert ein Wirkliches, von dem wir keine Erfahrungen haben und das wir uns aus seinen Wirkungen erst erschließen müssen. Sie ist Wissen von etwas, das vor dem Wissen liegt: ist Spekulation, sie entwirft ein Bild; aber kein Abbild, sondern ein Sinnbild: ein "Schema".[27]

lV. In der Schule lernen wir, Vernunft sei das, was dem Menschen das ersetzen muß, was bei den Tieren die Instinkte sind. Die Rede vom "instinktentbundenen" Mängelwesen (Gehlen) beherrschte lange die philosophische Anthropologie. Allerdings wurde der Instinktbegriff von der Aufklärung erfunden, um zu erklären, was dem Tiere die Vernunft ersetzt. Sie ‚erklären’ einander gegenseitig - durch Verneinung.


Aber als die Biologen den Instinkt erforschen wollten, ging es ihnen wie mit der Vernunft: sie konnten nichts finden - keinen 'Sitz', aber auch kein 'Substrat'. Doch irgendwie 'verhalten' sich ja die Tiere zu den Dingen um sie herum! Die eine ('realistische') Erklärung kam von den Reflexologen Pawlow und Skinner. Die andere ('idealistische') gab der Bedeutungs-Begriff Jakob von Uexkülls.

Evolution ist Auslese und Anpassung. Im Laufe ihrer Geschichte hat jede Spezies ihre ökologische Nische gefunden und zu ihrer Umwelt anverwandelt. "Nur die Umgebung eines Tieres liegt vor unseren Augen offen da. Wenn wir sie erforschen, entdecken wir in ihr die Reizquellen, die auf die Tiere einwirken. Die Umwelt ist aber völlig unsichtbar, denn sie besteht lediglich aus den Merkmalen der Tiere, die das Tier selbst hinausverlegt. Jede Umwelt ist das Erzeugnis eines Subjekts. Jede Umwelt bildet eine in sich geschlossene Einheit, die in all ihren Teilen durch die Bedeutung für das Subjekt beherrscht wird. Alles und jedes, das in den Bann einer Umwelt gerät, wird umgestimmt und umgeformt, bis es zu einem brauchbaren Bedeutungsträger geworden ist - oder es wird völlig vernachlässigt."[28] Die Bedeutungen tierischer Umwelten haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind Funktionen der Erhaltung - der Individuen wie der Art. Was keinen Erhaltungswert hat, kommt in ihnen, wenn es auch ‚da’ ist, buchstäblich nicht vor.

Der Mensch hat vor Jahrmillionen seine biologische Nische verlassen und ist aus der ererbten Umwelt in eine fremde Welt aufgebrochen. Deren Bedeutungen waren nicht vererbt, er mußte sie selber heraus-, d. h. hineinfinden. "Nichts kann sein, was ihm nicht etwas zu bedeuten vermag."[29] Und die Bedeutung ist, seit er einmal dem Überfluß begegnet war, nicht mehr auf den Erhaltungswert beschränkt: Jedes kann ihm Vieles bedeuten, und er kann sich sogar selber fraglich werden.

Auch die Welt ist keine Sukzession von Erscheinungen. Auch sie ist ein Raum von Bedeutungen, die 'vor' den Erscheinungen 'da sind'. Das teilt sie mit den tierischen Umwelten, aus denen sie hervor gegangen ist. Der Unterschied: Dieses Ganze ist da, weil es gedacht wird. In der wirklichen Vorstellung kommt zwar immer nur dieses und das und jenes vor. Das widerfuhr auch unsern hominiden Vorfahren, als sie sich auf ihre Hinterbeine stellten und aus dem schützenden Urwald ins offene Feld ausbrachen: Dies und das war ihnen vertraut und bedeutete, was es schon immer bedeutet hatte. Anderes war ihnen in den Nischen nicht vorgekommen. Aber im offenen Feld kam Anderes vor; nicht als bedeutungslos, sondern als fraglich - weil nun das Ganze fraglich war. Das war eine ganz neue Bedeutung. Der Mensch ist der, der nach Bedeutungen fragen kann - weil er muß. Die Welt ist entstanden als Mangel. Als das, was nach dem Verlust der Umwelt fehlte. Ein Raum, in den ich fragend blicke.[30]

V. Diesen Mangel beheben ist das Ergebnis einer Vorstellungsarbeit. Im Anschluß an von Uexküll entwickelte Ernst Cassirer seinen Symbolbegriff. Entsprechend seiner anatomischen Struktur besitze jeder Organismus "ein bestimmtes Merknetz und ein bestimmtes Wirknetz. Das Merknetz, durch das eine Spezies äußere Reize aufnimmt, und das Wirknetz, durch das sie auf diese Reize reagiert, sind in allen Fällen eng miteinander verknüpft. Sie sind Glieder einer einzigen Kette", die Uexküll den Funktionskreis des Lebewesens nennt. "Der Funktionskreis ist beim Menschen nicht nur quantitativ erweitert. Er hat sich auch qualitativ gewandelt. Zwischen dem Merknetz und dem Wirknetz finden wir beim Menschen ein drittes Verbindungsglied, das wir als Symbolnetz oder Symbolsystem bezeichnen können. Diese eigentümliche Leistung verwandelt sein ganzes Dasein. Er lebt sozusagen in einer neuen Dimension der Wirklichkeit."[31]

Wenn alle Dinge "eine Bedeutung haben", ermöglicht und erfordert es diese ihre gemeinsame Qualität, sie als eine - artikulierte - Gesamtheit aufzufassen, indem die Bedeutung des Einen zur Bedeutung des Andern ins Verhältnis gesetzt wird; so daß idealiter die Bedeutung eines Jeden in den Bedeutungen aller Andern ihre Grenze findet. Die Welt ist dann die Totalität der Verweisungszusammenhänge. Logisch mag man das Verhältnis umkehren: Indem man die (gedachte) Totalität aller (möglichen) Verweisungen an den Anfang setzt und die tatsächlich stattfindenden Verweisungen und schließlich die je einzeln bestimmt-werdenden Bedeutungen daraus "hervorgehen" läßt. Doch wenn es auch so wäre, daß die Welt, einmal erfunden, gegeben ist wie es die tierischen Umwelten sind - so müßte sie sich ein jedes neu hinzukommendes Individuum doch jedesmal wieder neu aneignen. Und es könnte das mehr oder weniger tun. Wenn ihm das auch am vorgegebenen Material leichter fällt als den abertausenden Generationen vor ihm, die alles erst erfinden mußten - im Prinzip ist es doch "so gut, als ob" er mit dem Bedeuten der Dinge ganz von vorn anfinge. Und die 'erste', elementare Bedeutung ist die Scheidung von Ich und Nichtich. Indem ich ein Anderes "bedeute", bedeute ich ipso facto 'mich' als das Andere dieses - und jedes andern - Andern. Das Ich ist nur insofern etwas, sagt Fichte, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht; logisch und reell. In einer natürlichen Umwelt kann es ein Ich nicht geben. Aber ohne Ich gibt es keine Welt.

Vl.Während die tierischen Umwelten 'zustande kommen', indem das Tier seine eigenen Merkmale in die Umgebung hinausverlagert, kommt der Mensch zu Stande, indem er den offenen Welt-Charakter seiner Umgebung in sich 'hereinholt': in seine anatomische Organisation.

Der aufrechte Gang hat eine ganze Reihe morphologischer Auswirkungen. Er hat einerseits die Vergrößerung des Kopfes ermöglicht, wodurch Homo zum sapiens wurde. Andererseits hat er verhindert, daß der vergrößerte Kopf auf "normalem" Weg geboren und (also) normal ausgetragen werden konnte. Darum werden Menschenkinder 'zu früh' geboren. Eigentlich "müßte unsere Schwangerschaft etwa um ein Jahr länger sein als sie tatsächlich ist", sagt der Biologe Adolf Portmann[32] und spricht von einem extra-uterinen Embryonalstadium. Entsprechend hilflos kommt der Mensch 'zur Welt'. Und so bildet sich das höchstentwickelte Säugetier gewissermaßen 'zurück' zu einem sekundären Nesthocker. Dieser 'Rückschritt nach vorn' bestimmt fortan den ganzen Gattungscharakter.

Was nämlich bedeutet 'Ausbildung' in der Natur? Anpassung an die gattungsmäßig vorgegebene Umweltnische, Zurichtung für eine spezifische Funktion im ökologischen Geflecht. Natürliches Reifen ist nichts anderes als Spezialisierung: Sie ist "das Endziel organischer Entwicklung" und findet "bei allen Säugern außer dem Menschen" statt.[33] Seit er sein Naturgefüge verlassen hat und in die weite Welt ausgewandert ist, hat der Mensch aber kein biologisches Maß mehr, dem er entgegenreifen könnte. Sein Lebensraum ist wesentlich unbestimmt. Seine Reifung ist daher "Spezialisation auf Nicht-Spezialisiert sein"[34], seine Ausbildung ist eine Entspezialisierung, seine Reife ist Dysfunktionalität.

Was für das umweltgebundene Tier eine Minderung wäre, wurde für den Menschen zum Gewinn, denn Spezialisierung auf die eine Möglichkeit bedeutet den Verlust all der andern. Das spezialisierte Wesen ist festgestellt. "Für ein Tier ist durch seine umweltgebundene Organisation von vornherein darüber entschieden, ob und inwiefern ein Naturbestandteil dieses Wesen etwas angeht. Die weltoffene Anlage des Menschen schafft dagegen eine völlig andere Beziehung zu der umgebenden Natur. Uns kann jeder noch so unscheinbare Teilbestand der Umgebung bedeutend werden, jede beliebige Einzelheit vermögen wir durch unsere Beachtung aus dem indifferenten Feld der Wahrnehmung herauszulösen und hervorzuheben. Uns kann alles etwas angehen."[35]Verloren ging die Sicherheit, und gewonnen hat er eine Freiheit, durch die ihm die "Führung des Daseins eine nie endende Aufgabe"[36] ward. Mit andern Worten, der Mensch funktioniert nicht, weil er, nach Nietzsche, "das nicht festgestellte Tier" ist. "Bildsamkeit, als solche, ist der Charakter der Menschheit."[37]

Vll. Leben ist für die Naturwissenschaft Stoffwechsel und Fortpflanzung, einschließ-lich der neuronalen Prozesse, die sich kausal dazwischenschieben. Nur der Mensch kann sich damit nicht begnügen, weil er in keiner natürlichen Umwelt zu Hause ist, die ihm seine Bestimmung vorgegeben hätte, sondern in einer selbstbedeuteten Welt: schlecht und recht. Seine Existenz ist eo ipso prekär. Er kann nicht bloß "dasein", sondern muß sein Leben führen. Das ist offenbar ein Problem. Und nur, weil er es hat, sagt er "ich".

Wahr ist allerdings auch, daß sich das Symbolnetz, das ihm seine Welt bedeutet, im Lauf der letzten Jahrtausende an einer Stelle verheddert hat, nach der seither Alles sozusagen gravitiert - dem wirtschaftlichen Nutzen, einer Art Erhaltungswert höherer Ordnung.

Aber Wirtschaftsgesellschaft ist unser Gattungsleben nicht an und für sich. Nachdem sie ihren Urwald verlassen hatten, lebten die ersten Menschen - als Jäger und Sammler – 'mit der Natur in Einklang'. Sie behandelten die Naturdinge als ihresgleichen, als beseelt und mit Willen begabt. Die erste Welt, die frühesten Symbole waren animistisch. Sie trugen einen unübersehbar luxuriösen Zug: In den Höhlen von Lascaux und Altamira kann man es sehen.

Das Wanderleben war allerdings gefährlich; nicht zufällig, wie in der ökologischen Nische, sondern eo ipso. Bedeutend wurde Sicherung. Die einzige Sicherheit waren die Blutsbande. Das Totem prägt die ursprünglichen Symboliken. Bis weit in die Ackerbaugesellschaften beruhen die politischen Strukturen auf Verwandtschaftsbeziehungen. Das Blut und der Boden sind, konkurrierend, der Grund von Wert und Sinn: In den antiken Mythologien streiten sich Erd- und Himmelsgötter wie die Bauern- und Hirtenvölker in der Wirklichkeit. Doch am Ende beherrscht die Arbeit die alltäglichen Urteile, durch Handel und Geldverkehr rückt das Abstraktum 'Wert' an die Stelle anschaulicher Qualitäten.

Es begann damit, daß sich der Mensch in der offenen Welt, in die er jagend und sammelnd aufgebrochen war, festsetzte und dort sicherheitshalber eine neue, künstliche Umweltnische einrichtete. Das war die Erfindung des Ackerbaus vor vielleicht zwölftausend Jahren im Tal des Jordan, und die Erfindung der Arbeit. Seither hat auch der Mensch ein Gefüge, in dem er funktionieren, und ein Maß, dem er reifen und für das er sich ausbilden muß. Die vollendete, 'ausgebildete' Form der Arbeitsgesellschaft ist die Marktwirtschaft: Alles hat seinen Preis. Jetzt müssen die Arbeiten gegeneinander austauschbar, ihre Qualität muß meß- und vergleichbar sein. Die Nützlichkeit der einen Sache muß sich in der Nützlichkeit der andern Sache darstellen lassen. An die Stelle der Gebrauchswerte tritt der Tauschwert, der 'Wert' der Nationalökonomen: eine Art Nützlichkeit-an-sich.

Das ist die Logik der Arbeitsteilung: die Reduktion der Qualitäten auf komplex zusammengesetzte Quantitäten; das Absehen von der Stoff- und das Hervorkehren der Formseite; die Auflösung einer jeden Substanz in ihr Herstellungsverfahren; die Reduktion der Sache auf die Mache. Wir reden von "Tat"sachen, und wenn wir ihre qualitas meinen, sagen wir "Beschaffen"heit. Etwas "begreifen" heißt daher: es auf seine "Ursache" zurück führen. Darum gibt es 'Determination' und 'Naturgesetz'.


"Erst im Verlaufe der Arbeit an der Welt lernt der Mensch die zufällige Bilderwelt und ihre Gesetze kennen", Gegenstandserkenntnis und Begriffe entstehen ihm "erst indem diese Bilder ihm in der Wahrnehmung Symbole werden für die Angriffspunkte seines Handelns und seines Herrschens. In diesem Sinne ist die Arbeit in der Tat die wesentlichste Wurzel aller positiven Wissenschaft, aller Induktion, alles Experiments."[38] Und der Weisen seines Schlußfolgerns: Die Logik ist eine Ökonomie des Vorstellens; eine Art Arbeit-an-sich.

Vlll. Vielleicht kann sich auch das Tier etwas vorstellen? Aber es kann es jedenfalls nicht behalten, so daß etwas zu Diesem würde.

Der Mensch sprach zum Tier: Warum schaust du mich immer nur an und redest nicht zu mir von deinem Glück? Da machte das Tier den Mund auf und wollte sagen: Ich will ja mit dir reden! Aber immer, wenn ich den Mund aufmache, vergeß ich, was ich sagen wollte. - Da hatte es schon vergessen, was es sagen wollte, und machte den Mund wieder zu; so hat es Nietzsche überliefert.

Was nicht behalten wird, kann nicht mitgeteilt werden. Um es zu behalten, muß ich es feststellen. Das Behalten ist das Feststellen: der Akt des Bestimmens als Dieses. Die Besonderheit des Bewußtseins ist nicht, daß es Vorstellungen hat, sondern daß es sie bestimmen und daher mitteilen kann. Es ist Speicher und Operator zugleich.


Um die Vorstellung zu behalten, muß ich sie mit einem Merk-Mal versehen (digit). Sie selbst ist analog gespeichert. Aber ins Verzeichnis wird sie - der Name verrät es - digital eingetragen. Wenn ich das Zeichen anklicke, öffnet sich die analoge Datei - nein: das analoge Datum. Das bedeutet symbolisieren.

Bestimmen heißt: im 'Symbolnetz' die rechte Stelle anweisen. Bedeutungen - Vorstellungen, Anschauungen, Erlebnisse - können wir nicht mitteilen. Mitteilen können wir nur deren Symbole, die wir logisch miteinander zum Diskurs verknüpfen. Was die Symbole bedeuten, muß sich jeder Mitredende wieder selber vorstellen.[39] Daher stammt der Einfall, wir könnten nur in Symbolen - nur durch die Sprache - denken.[40] Das wirkliche (im eigentlichen Sinn positive) Denken ist aber nicht "diskursiv", es geschieht nicht in Symbolen, noch geschieht es logisch. Man braucht die Logik "überhaupt nicht zum Denken, sondern nur zur Prüfung des Denkens"[41] - um es mitteilen zu können. Das wirkliche Denken ereignet sich als eine Kaskade unfaßlicher Bilder.

lX. Die Grenzen meiner Sprache sind nicht die Grenzen meiner Welt. Die Welt, die wir einander mitteilen; über die wir uns verständigen, weil wir darin gemeinsame oder konfligierenden Zwecke verfolgen - ist allerdings begrenzt durch die Möglichkeiten unseres sprachlichen Ausdrucks. Aber das ist nicht die ganze Welt. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen."[42] Inwiefern sich aber die Welt des einen von der des Anderen durch deren jeweilige Sprachvermögen unterscheiden sollte, ist nicht einzusehen.

"Ich weiß, daß diese Welt ist. Daß etwas an ihr problematisch ist, was wir ihren Sinn nennen. Daß mein Wille die Welt durchdringt."[43] Die Grenzen unseres gemeinsamen Symbolsystems bedeuten die Grenzen unserer gemeinsamen Welt. Ihr 'Sinn' erscheint vorgegeben als der Inbegriff des Verweisungszusammenhangs. Er 'ist' sozusagen 'immer schon' mitgeteilt - sofern nämlich überhaupt etwas mitgeteilt wird; das Apriori, auf das 'man' sich immer schon verständigt hat, um einander überhaupt verstehen zu können.

Meine Welt hat andere Grenzen, denn in ihr können auch Bilder vorkommen, die 'nur sich selbst bedeuten' - und daher unbestimmt bleiben dürfen.[44] Wovon ich nicht sprechen kann, darüber muß ich nicht schweigen: Ich kann es zeigen. Denn Symbole, nämlich Bedeutungsträger für andere, können auch Bilder werden. Sie irrlichtern dann am Rande unserer Welt und illustrieren die Stelle, wo sie an meine Welt nicht mehr heranreicht: Liebe, Leidenschaft, Freiheit, Sinn, Schönheit, Grauen, Glück, Ehre und Anstand; übrigens auch Komik und Wissen. Kein verständiger Kopf würde sie bestimmen wollen. Aber gezeigt werden sie oft und gern - in den Bildern der Kunst. Nicht zuletzt darum ist die Welt, im Unterschied zu den geschlossenen Umwelten, offen: weil in meiner Welt Anderes vorkommen mag als in der der Andern - und ich es ihnen zeigen kann.

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, läßt sich auch bestimmen; näm-lich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen. Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden - weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen läßt. Was demonstriert werden kann, läßt sich erlernen. Was dagegen 'durch meine Freiheit möglich' wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muß es erfinden und mir einbilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‚Anschauung’ nach-zu-erfinden. Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muß man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie 'sind' nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist, nach Scheler, das Tier, das nein sagen kann; auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragenkönnen heißt ja oder nein sagen können. 'Die Welt' wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst. Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Daß ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer "Welt" zu konstruieren, liegt allein daran, daß ich in die Welt der Andern hineingeboren bin - als in einen "dunkel bewußten Horizont unbestimmter Wirklichkeit". Und daß ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir 'Daten gemeldet haben, und daß ich sie zu einander fügen muß. Daß ich meine Welt konstruieren muß, liegt an den Andern. Daß es diese Welt sein wird, liegt... an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, daß ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

"Ich" konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß.

X. Es fällt schwer, eine Welt anders als in räumlichen Metaphern zu beschreiben - so als ob sie nur eine erweiterte Nische wäre. Aber der Unterschied zwischen der Welt und einer Umwelt ist kein topischer, sondern ein dimensionaler. Ebenso der zwischen meiner Welt und unserer Welt.

Unsere Welt besteht aus allem, was symbolisiert ist. Als solche ist sie aber nur virtuell, "auf Abruf": Nur wenn die Symbole durch Verstehen aktualisiert werden, "ist" unsere Welt.
[46] Theoretisch könnte unsere Welt restlos in der meinen aufgehen, praktisch kann sie es nicht, und zwar grundsätzlich. Unsere Welt, in der Wasser trinkbar ist und man damit Kaffee kocht, ist einigen Milliarden Menschen zugänglich. Unsere Welt, in der Wasser durch H2O symbolisiert ist, steht nur noch einigen hundert Millionen offen. Die Wissenschaften, unsere Welt par excellence, sind in ihren jeweiligen Spitzen gerade einer Handvoll Leute zugänglich, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben - jeder auf die seine. Weil meine Lebenszeit begrenzt ist,[47] kann die ganze Wissenschaft in meiner Welt grundsätzlich nur als Erzählung vorkommen.[48]

Meine Welt "ist" auch in unserer Welt. Zum Beispiel ist die Welt eine ganz und gar andere, je nachdem, ob der, die, das Geliebte darin vorkommt oder nicht. Für unsere Welt macht das keinen Unterschied - nämlich nicht für die andern. Aber für mich macht das gerade in unserer Welt den entscheidenden Unterschied, weil ich nur dort auch in seiner Welt bin. Doch kann meine Welt, so wahr sie meine ist, auch theoretisch nicht restlos in unserer Welt aufgehen, das ist der springende Punkt, denn darum bin ich Ich. Das ist keine Sache der Tiefenpsychologie: dort kann es Erfahrungen geben, sogar (wenn auch nicht eindeutig) mitteilbare.[49] Keine Erfahrung kann ich haben von meinem Denken, bevor ich es durch Symbolisieren festgestellt habe. Ich kann nur rekonstruieren, "wie es gewesen sein muß", indem ich es so beschreibe, wie es gewesen wäre, wenn es in unserer Welt stattgefunden hätte, als Schema. Das ist Transzendentalphilosophie. Kein Tatsachenerweis, sondern eine Sinnbehauptung. Ein endgültiger und "letzter Mythos" - die "Geschichte, die von dem spielenden oder abenteuernden oder bildnernden Ursubjekt handelt".[50]

Xl. Logisch ist das ("transzendentale") Subjekt die 'Ursache' der Bedeutungen. Das kann die Kritische Philosophie dem empirischen Ich theoretisch einsichtig machen. Dessen praktische Aufgabe, gleichzeitig in seiner und in unserer Welt sein Leben zu führen, wird dadurch nicht einfacher, im Gegenteil. Denn seinen eigenen Produktionen kann es danach nicht mehr vertrauen - dazu bräuchte es schon ein Anderes, das es 'sich-selbst' als seinen Grund 'voraus setzen' kann. Zur transzendentalen Synthesis gehört die Prämisse, "daß es Wahrheit gibt". Das ist ihre Bedingung. Ist schon die Synthesis Bedingung des Wissens und kann folglich im wirklichen Wissen selber nicht vorkommen, so erst recht nicht die Bedingung der Bedingung. In der Reflexion kann ich sie mir allerdings denken: als reine Form des 'Geltens-an-sich'.


Daß der menschliche Geist "notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will. Über diesen Zirkel hat man nun nicht Ursache, betreten zu sein. Verlangen, daß er gehoben werde, heißt verlangen, daß das menschliche Wissen völlig grundlos sei, daß es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern daß alles menschliche Wissen nur bedingt sein, und daß kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, daß derjenige, aus dem er folgt, gelte. Mit einem Worte, es heißt behaupten, daß es nur vermittelte Wahrheit gebe - und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."[51] Das absolute Wodurch ist nicht gegeben, sondern denknotwendig, nicht Faktum, sondern Fiktum. Es "kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspräche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor."[52]

Unum, verum, bonum, pulchrum: Das Eine Absolute ist keine logische, es ist keine ethische, es ist eine ästhetische Idee. Es ist sogar die ästhetische Idee schlechthin. Was sollte denn, jenseits von seiner brauchbaren Richtigkeit, am Wahren besser sein als das Unwahre? Was sollte, jenseits von seinen gesellschaftlichen Vorteilen, am Guten besser sein als das Böse? Es ist genau das, was am Schönen schön ist: daß es ohne Interesse gefällt.

"Unter einer ästhetischen Idee verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein bestimmter Gedanke, i.e. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann".[53] Sobald uns Wolf Singer zur ästhetischen Idee des Absoluten, welche nicht gedacht und nicht gesagt werden kann, das neuronale Substrat 'bildgebend’ zeigen wird, reden wir weiter.

Bis dahin hat die Hirnforschung zur Kritischen Philosophie nichts beigetragen.


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1)Wolf Singer, Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003

2)Kant, B 129f., Akademie-Ausgabe Bd. 3, S. 107
3)Andreas Engel u. Wolf Singer, "Neuronale Grundlagen der Gestaltwahrnehmung" in: Spektrum der Wissenschaft, Dossier 4/1997, S. 67
4)Singer, "Früh übt sich... Zur Neurobiologie des Lernens" in: Mantel, G., (Hg.), Ungenutzte Potentiale, Mainz usw., 1997; S. 45
5)Engel u. a., "Neuronale Grundlagen..." ebd
6)Singer, "Früh übt sich..." ebd
7)ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren von vorausgeträumten Hypothesen" in: Ein neues Menschenbild?, Frankfurt a.M. 2003; S. 70
8)ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" in: Ganten, D. (Hg.), Gene, Neurone, Qubits & Co., Stgt. u. Heidelberg 1999, S. 269
9)ders., "Wahrnehmen ist das Verifizieren..." aaO, S. 71
10)ders., "Vom Gehirn zum Bewußtsein", in: Der Beobachter im Kopf, Ffm, 2002, S. 72
11)ders., "Das Bild im Kopf - ein Paradigmenwechsel" aaO, S. 275
12)ders., "Vom Gehirn zum Bewusstsein" aaO
13)ders., in: Ein neues Menschenbild? S. 67
14)Kant ebd.
15)Wolf Singer, "Vom Gehirn zum Bewußtsein", aaO, S. 75
16)ders. "Wer deutet die Welt?" in: Ein neues Menschenbild? S. 20. - Wenn mich ein Rüpel belästigt, ist also nicht er schuld, sondern sein Gehirn? Wenn ich ihn dafür in den Steiß trete, dann spürt er meinen Fuß zwar am Steiß. Aber es ist sein Hirn, das ihn spürt. So bleibt alles wie gehabt: Der Schuldige kriegt, was er verdient.
17)ders., "Das falsche Rot der Rose" ebd, S. 57
18)ders., "Wir benötigen den neuronalen Kode" ebd, S. 42
19)ders., "Vom Bild zur Wahrnehmung", in: Ch. Maar, H. Burda (Hg.), Iconic Turn, Köln 2004, S. 75f.
20)ders., "Das Ende des freien Willens?" in: Ein neues Menschenbild? S. 32f. - Ein reelles Ich identifiziert sich dadurch, daß es eine Geschichte hat.
21)ders., "Wer deutet die Welt?" aaO, S. 15. (Was haben die Begriffe hier zu suchen?)
22)ebd, S. 26. - Wenn sich die ‚Übergänge’ mit Hilfe der modernen ‚bildgebenden’ Verfahren darstellen ließen, dann wären sie im Prinzip auch andern Arten der Bearbeitung zugänglich. Dann käme die ‚Determination’ von außen.
23)Wolf Singer, "Das Ende des freien Willens?" aaO, S. 31f.
24)ders.,"Wer deutet die Welt?" aaO, S. 13
25)Jürgen Habermas, Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie’, Ffm. 1969, S. 161
26)J. G. Fichte, Gesamtausgabe Bd. I.8, S. 299
27)ders., Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 110ff.
28)Jakob v. Uexküll, Die Lebenslehre, Potsdam 1930, S. 130; "Bedeutungslehre" in: ders.,/G. Kriszat, Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen, Hamburg. 1983, S. 111ff.
29)H. G. Gadamer, Gesammelte Werke Bd. VIII, Tübingen 1993; S. 8
30)Angenommen, Singer hat recht und bestimmte Vorstellungsinhalte würden lediglich neuronale Prozesse "abbilden". Dann müßte es sich um ein analoges Bild handeln. Analoge Darstellungen können aber, anders als digitale, keinen Verneinungs-Modus wiedergeben, und den Frage-Modus schon gar nicht. ‚Ich’ kann aber fragen und nein sagen.
31)Ernst Cassirer, Versuch über den Menschen, Hamburg 1990, S. 48f.
32)Adolf Portmann, Zoologie und das neue Bild des Menschen, Hamburg, 21958, S. 49; S. 68ff.
33)Arnold Gehlen, Der Mensch, Wiesbaden 121978, S. 87
34)Konrad Lorenz, Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen, Mchn. 1983, S. 237
35)Portmann, aaO, S. 65
36)Adolf Portmann, Entläßt die Natur den Menschen? Mchn. 1970, S. 209
37)J. G. Fichte, GA I.3, S. 379
38)Max Scheler, "Arbeit und Erkenntnis" in: Die Wissensformen und die Gesellschaft, Bern 1980, S. 362
39)Nehmen wir wiederum an, daß Bedeutungen neuronale Substrate "abbilden": dann müßte durch die Mitteilung eines (gegebenen) Symbols jedesmal dasselbe Substrat ‚determiniert’ werden. Das hieße, Bedeutung ist objektiv. Was ‚konstruktivistisch’ begonnen hat, schließt als platonische Ideenlehre.
40)zuerst bei Augustinus; J. G. Hamann hat ihn als Argument gegen die Transzendentalphilosophie ins moderne Denken wiedereingeführt.
41)Max Adler, "Die Dialektik bei Hegel" in: ders., Marxistische Probleme, Stgt. 1913, S. 27
42)Ludwig Wittgenstein, "Tractatus logico-philosophicus" [6.53] in: Werkausgabe, Bd. 1, Ffm. 1984, S. 83
43)Wittgenstein, "Tagebücher 1914-1916" [11. 5. 1916], in: Werkausgabe Bd. 1, S. 167. - Richtig ist jedenfalls, daß es ohne Sinn die Welt nicht ‚gibt’; und daß er ‚gewollt’ ist.
44)Husserls "Lebenswelt"-Begriff (in der Krisis-Schrift) vermengt beide, statt sie zu scheiden.
45)Husserl, "Ideen zu einer reinen Phänomenologie", in: Husserliana Bd. III/1, S. 57
46)Die Kunst ist in unserer Welt, muß aber nicht verstanden werden. Der andere Grenzfall ist das Internet.
47)Von meinem Verstand rede ich nicht.
48)Kann es eine "Privatsprache" geben - ein privates Symbolsystem, das ‚die Welt bedeutet? Über unsere Welt muß ich mich mit mir nicht verständigen, sondern mit Anderen. Und meine Welt muß niemand verstehen.
49)Eine bekannte tiefenpsychologische Richtung will das Unbewußte als Gegenstand naturwissenschaftlicher Analyse zum Bestandteil unserer Welt machen; aber nicht so ganz: Sie schiebt als Bedingung eine persönliche Initiation dazwischen.
50)Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Ffm. 1999, S. 295f.
51)Fichte, GA I.2, S. 412, 414; 133
52)ders, GA I.5, S. 75
53)Kant, AA Bd. 5, S. 314 

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* zur weiteren Auseindandersetzung mit Wolf Singer siehe: "Taugt Hirnphysiologie zur Meta(bio)physik?"





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Der nachstehende Text stellt gewissermaßen den Knoten dar, der die Seiten dieser Homepage von innen zusammenhält. Er zeigt nämlich, wie 'die Philosophie' mein „Menschenbild“ – nämlich jenes, das ich von mir selber habe – verändert; und wie mich das zum 'Pädagogen' befähigt.

Entstanden ist er im Frühjahr 1992 als Vorspann zu jenem Essay, den ich – viel später – über „Grund und Gegenstand der Erziehung“ veröffentlichen konnte. Der folgende Text konnte bislang nicht erscheinen.


Neomoderne Ein romantisches Menschenbild zur Jahrtausendwende


 Ich schwöre Ihnen, erwiderte Ulrich ernst, daß

weder ich noch irgendwer weiß, was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern, daß es im Begriff steht, verwirklicht zu werden!  Der Mann ohne Eigenschaften

Abrupt ist gerade das zwanzigste Jahrhundert zu Ende gegangen. War es die Epoche der Weltrevolution oder war es, wie ein konservativer Geist meinte „der europäische Bürgerkrieg“, gleichviel: vorbei ist es so oder so.

                            

Eine neue Zeit bricht an, und nirgends so stürmisch wie bei den Deutschen. Ein normales Volk unter den Völkern in einem normalen Staat unter den Staaten, das hatten wir noch nie. Und immer noch in der Mitte Europas. Ganz ungewohnt: Wir werden uns nicht mehr mit uns und mit dem Naheliegenden begnügen können. An unsere Geschichte müssen wir jetzt wieder in der ersten, statt bloß in der dritten Person denken. Die Welt ist nicht mehr, was sie war, und wir auch nicht. Unsern Platz müssen wir, wie die andern Völker auch, selbst bestimmen.

                                     

Der Pädagogenstand, Mehrer des Fortschritts und Wahrer guter Gesinnung, hat von alldem noch nichts gemerkt. Er zehrt weiter, schlecht oder recht, am Vermächtnis des Jahres Achtundsechzig. Sind aber nicht gerade die Kinder, mehr noch als die andern, Kinder ihrer Zeit? „Weiter so“ ist schon an ruhigen Tagen keine Losung, die der Pädagogik zu Gesicht stünde. Doch im Moment der Zeitenwende macht sie sich damit ganz unmöglich. 

                           

Nicht das Kapital ist zusammengebrochen. Seine zivilisatorische Mission war wohl noch nicht erschöpft: Der Welt-Markt liegt erst noch vor uns.

                                                   

Das nachindustrielle Zeitalter läßt auf sich warten, die Postmoderne ist schon wieder vorbei. Die Welt, in der wir leben, stellt sich neuerlich dar, als was sie ist: bürgerliche Gesellschaft. 

                          

Durchbruch

                              

Doch der Charakter der bürgerlichen Zeit ist Krisis. Sie ist das Tor, das aus der Naturnotwendigkeit hinausführt ins Reich der Freiheit - oder in die Barbarei. Die Krisis ‚äußert’  sich als Revolution in Permanenz: Jede noch verbliebene Naturschranke wird beiseite geschoben, noch die letzte Naturfessel wird abgestreift wie eine Schlangenhaut, eine nach der andern.

                                

Ihre nacheinander eingerichteten Gesellschaftsbildungen haften der Menschheit an wie Häute, in denen sich ihre Anpassung an die - je durch Arbeit modifizierte - Natur materialisiert hat zu so und sovielen Bedürfnissen und „Eigenschaften“ der Menschen selbst.

                                    

Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf dem Gehirne der Lebenden. Aber die Menschen machen ihre Geschichte selbst. Sie können sich häuten, wenn und weil sie es wollen.

                            

Der Charakter der bürgerlichen Epoche ist Revolution in Permanenz. Theoretisch ausgesprochen hat sie ihn in der Wissenschaftslehre - als der „pragmatischen Geschichte“ davon, wie ‚das Ich’ sich immer wieder „selbst setzt“ im ‚praktischen Erzeugen einer gegenständlichen Welt’ - als seinem Spiegel. [1]

                                           

Die Geschichte davon, wie es ein ‚Selbst’ wird, indem es die Welt zu seiner Aufgabe macht; wie es seine Zukunft zu dem macht, was ihm zukommt.

                                                  

Je dringender aber die bürgerliche Welt nach ihrer Zukunft fragt, umso unabweisbarer wird ihr ihre Herkunft zum Problem. Führt ein gerader Weg von ihrem Woher zu ihrem Wohin? Waren die Bewegungsgesetze ihrer Gegenwart schon die Bildungsgesetze ihrer Entstehung? Nur wenn ihre Entwicklungslogik immanent, und wenn die bürgerliche Verkehrsweise in sich selbst begründet ist, läßt sich aus ihrem Heute auch ihr Morgen hochrechnen. Anderfalls bleibt ihre Zukunft in der Schwebe.

                                                    

Jene Selbstreflexion der bürgerlichen Gesellschaft auf ihre Ursprünge war die Kritik der politischen Ökonomie gewesen - als Durchführung des Programms der Wissen-schaftslehre am Spezialfall der Bildung des Kapitalverhältnisses. Sie beschrieb nicht einfach, wie das ‚System’ der bürgerlichen Ökonomie „funktioniert“, sondern sie zeigte, daß sein Funktionieren auf einer sachlichen Bedingung beruht, die durch das System nicht begründet werden kann, weil sie es selbst begründet: die Trennung des Arbeits-vermögens von den Arbeitsmitteln, alias „die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“. Es ‚basiert’' auf einem historischen Faktum, nicht auf einem Gesetz.[2] Aber Fakta sind vergänglich.

                                    

Und weiter!

                              

Da sie so aus ihren heutigen Bewegungsregeln ihre zukünftige Entwicklungsrichtung nicht einfach extrapolieren kann, kommt sie sich nach vorn hin offen vor. Ihre Krisis erscheint ihr als Progressus in infinitum. Sie weiß zwar, daß es irgendwo „hin“ geht. Aber sie weiß nicht, wo das liegt. Sie fühlt sich unterwegs, aber sie weiß nicht die Richtung. Sie weiß nur, daß da irgendeine „sein muß“.

                                          

Das Hier und das Jetzt der bürgerlichen Gesellschaft heißen immer: plus ultra.

Für den Einzelnen bedeutet das: Er muß sein Leben führen - denn es versteht sich nicht mehr von selbst. Und wenn es nach vorne offen ist, muß er seine Bestimmung suchen - nämlich da, wo er nicht ist.

                                       

Ist ihm sein Ziel nicht ‚gegeben’, so kann er es auch nicht sehen - nicht einmal als ‚Idee’; nicht, wie es aussieht, noch wo es liegt. Er ahnt nur, daß eins da sein muß. Darum steht er nicht einmal, sondern immer vor der Frage: Wo soll ich hin? Wie geht es weiter? Und das heißt immer bloß: Was ist der nächste Schritt? An einem spanischen Kloster steht die Inschrift: No hay caminos; hay que caminar. Oder wie der Tatmensch Oliver Cromwell das ausgedrückt hat: Einen Mann trägt sein Roß nie weiter, als wenn er nicht weiß, wohin er reitet. - Sein Ziel ist dann nämlich nur: weiter vorn.

                         

Ein ewig gegenwärt'ges Nun

                              

Doch „wenn man nicht weiß, wohin man geht, weiß man bald auch nicht mehr, wo man sich befindet“[3]. So schlägt die Permanenz der bürgerlichen Krisis sich erlebens-wirklich nieder als permanente Selbstreflexion - das ewige Fragen nach Wo, Woher und Wohin. Es ist die unablässige Neugeburt des transzendentalen Subjekts: Es ist nur in actu, es ist immer wieder „frei und neu in jedem Nun“[4]. Ansonsten ‚ist’ es nur formale Möglichkeit.

                                        

Es dauert nicht in Raum und Zeit. Es kann sich nicht ‚rechtfertigen’ durch bleibende Werke. Es muß sich bewähren stets aufs neue. Es ‚ist’ nicht erbrachte Leistung, sondern höchstens stete Bereitschaft, zu leisten. Es rechtfertigt sich „allein aus dem Glauben“, als daz fünklîn,[5] das nur leuchtet, wenn ich es anschaue. „'Ich bin' heißt, ich befinde mich in allgemeiner Relation, oder ich wechsle - es ist das Glied des Wechsels überhaupt: erstes Spiel.“[6]

                                           

Ein ‚Ziel’ - ein Unbedingtes, bei dem er stehenbleiben; ein Absolutes, bei dem er sich beruhigen könnte - ist dem modernen Menschen nicht „sichtbar“; ist nicht im Raum noch in der Zeit. Und doch soll es ihm „irgendwie“ präsent sein! Nämlich als Maßstab seines jeweiligen Handelns, hier und jetzt. „Moral ist die Zuordnung jedes Augenblicks-zustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand.“[7]  Aber er kanns nicht behalten und kanns nicht vergessen, und faßt er es ganz, so kann ers nicht messen. „Das einzig mögliche Absolute, das uns gegeben werden kann“, ist „die unendlich freie Tätigkeit in uns“. Es „läßt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, daß durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen“. [8] Und mit den Worten des Cherubini-schen Wandersmanns: Je mehr du nach ihm greifst / je mehr entwird er dir.

                                  

Als ob

„Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt. Aber nur, wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher.“ Se. Erlaucht wies das mit den würdigen Worten zurück: „Das ist mir zu hoch.“ Der Mann ohne Eigenschaften 

Dieses Paradox wird gewöhnlich veranschaulicht durch die Metaphern „Ideal“ und „unendliche Annäherung“. Aber solche Bilder verdunkeln mehr, als sie erhellen.

Da ist kein ‚Punkt’, dem es näherzukommen gälte, früher oder später, mehr oder weniger. Sondern da ist ein Wert, der gilt - jetzt und überhaupt. Man ‚hat’ ihn nicht als Aktivposten, sondern wie einen Stachel. Er gilt, indem ich jederzeit so handle, als ob die Welt „jetzt schon“ nach einem göttlichen Heilsplan eingerichtet wäre. Wenn alle so handelten, als ob es eine göttliche Weltregierung gäbe, dann - gäbe es eine göttliche Weltregierung.

                                      

Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Und so kann ich auch nicht messen, wie weit mich mein Handeln jenem idealen Zustand „nahegebracht“ hat. Ich kann nur wissen, daß ich so gehandelt habe, als ob... Wenn aber das Resultat kläglich ausfiel, dann wird mich das bekümmern; doch reuen muß es mich nicht.

                                   

Mehr noch als die Geschichte der Gattung ist so der Lebensplan jedes Einzelnen Sinngebung des Sinnlosen. Die Welt ist ‚alles, was der Fall ist’. Ein Sinn ist darin noch keiner. Mein Leben in der Welt dagegen ist so, wie es sein soll - oder nicht. Anderer Sinn wird sich in der Welt nicht auffinden lassen.

                                        

Das Unbefriedigende daran ist, daß man das Ende nie zu fassen kriegt. Immer greift man ins Leere. Da ist kein Stoffliches, vulgo „Inhalt“, in dieser Moral, woran man sich halten könnte. Sie ist die Ausbreitung einer einzigen Tautologie - zu einem Paradox.

                                

Durch einander

                               

Die ganze Philosophie ist aber so eine Tautologie. Sie besteht nur in der Auflösung eines tautologischen Satzes in einen Gegensatz. Jener Satz heißt a = a, oder „was ist, ist“, und ist landläufig als ‚Satz der Identität’ bekannt. Einen Sinn hat er freilich nur, wenn damit „eigentlich“ eine - Nichtidentität gemeint ist. Dann heißt er so: Das Eine ist ‚es selbst’ durch ein Andres; soll gelten als das Andre.[9] Etwa so: Das Unendliche soll endlich sein; oder: Das Unbedingte soll bedingt werden; oder auch, Was ist, soll einen Sinn haben. - Dann ist er nicht Feststellung einer Tatsache, sondern Stellung einer Aufgabe.

                                  

In der Geschichte der abendländischen Philosophie ist jene Aufgabe als das Problem der „Einheit von Subjekt und Objekt“ formuliert und formalisiert worden. Aber so, als ob seine Lösung irgendwann einmal gelingen müßte. Doch kann ich den „Gegensatz des Bewusstseins“ lediglich ‚praktisch’ als gegenstandslos behandeln - nämlich im Moment der Tat selbst, wo im Vollzuge ‚Subjekt’ und ‚Objekt’, Sinn und Sein, das Gegebene und die Aufgabe, der ‚Stoff’ und die ‚Form’ wirklich in einem Punkt zusammenfallen. Die Lösung ‚gelingt’ immer nur actu: während der Tat, doch schon nicht mehr in ihrem Produkt; und hernach ist alles so offen wie je zuvor. Die Lösung der Aufgabe ist immer wieder nur die Aufgabe selbst.

                               

Der dialektische Schein

                             

Und wenn ich es recht bedenke, ist der ‚Gegensatz des Bewußtsein’ auch theoretisch ein bloßer Schein. Im wirklichen Leben kommen überhaupt nur Handlungen vor. Ohne das wäre ein ‚Objekt’ uns ebensowenig gewärtig wie ein ‚Subjekt’. Die Handlungen sind das Reale am wirklichen Leben. Was aber „in Begriffen dargestellt wird, ruht“[10]. ‚Subjekt’ und ‚Objekt’ sind theoretische Bestimmungen, die eine abstrahierende Reflexion im nachhinein in meine Anschauung hineingetragen hat. Sie stammen nicht aus dem natürlichen Bewußtsein, sondern sind selbst schon Wissenschaft.

                                        

Doch reden wir hier ja nicht vom natürlichen Bewußtsein „überhaupt“, sondern von der Gemütslage des modernen, des bürgerlichen Menschen. Und den zeichnet es allerdings aus, daß er eben - reflektiert. Es ist ihm ja nichts mehr selbstverstündlich, kein Gegebenes und kein Aufgegebenes. Die beseufzte „Verwissenschaftlichung des Alltags“ hat diesen Grund: Er muß  fragen - nach einem Wozu. Und prompt zerfällt ihm die Wirklichkeit in ein Ich und in ein Nichtich. Um die Unschuld ists geschehn.

                                 

Der antiquierte Mensch ist mit sich selbst im Reinen und in jeder Nische zuhaus, wo es sich wohlsein läßt. Das ist die Gattung des Philisters. Sie ist zwar noch zahlreich, aber schon veraltet.

                                           

Sie ahnen es, und seither werden sie ihrer Unzufriedenheit nicht mehr Herr:

Es scheint, daß der brave, praktische Wirklichkeitsmensch die Wirklichkeit nirgends restlos liebt und ernst nimmt. Als Kind kriecht er unter den Tisch, um das Zimmer der Eltern, wenn sie nicht zu Hause sind, durch diesen genial einfachen Trick abenteuerlich zu machen; als Knabe sehnt er sich nach der Uhr; als Jüngling mit der goldenen Uhr nach der zu ihr passenden Frau; als Mann mit Uhr und Frau nach der gehobenen Stellung; und wenn er glücklich diesen kleinen Kreis von Wünschen zustande gebracht hat und ruhig darin hin und her schwingt wie ein Pendel, scheint sich sein Vorrat unbefriedigter Träume um nichts verringert zu haben. Wenn er sich erheben will, so gebraucht er dann ein Gleichnis - denn es kommt ihm anscheinend nur darauf an, etwas zu dem zu machen, was es nicht ist; was wohl ein Beweis dafür ist, daß er es nirgends lange aushält, wo immer er sich befinde.[11]

Der Philister ist eine aussterbende Spezies.

                                  

Eine komische Existenz

                                  

Der moderne Mensch ist ein Wanderer: An seinem Platz ist er immer fremd. Setzt er sich fest, fällt er aus seiner Bestimmung.[12] Das Endliche, das er nur immer hat, wird zur greifbaren Figur erst vorm Hintergrund des Unendlichen, das er haben soll und nicht haben kann. Gewärtig ist ihm das Endliche bloß als ein (zu kleines) Stücklein vom Absoluten. „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“[13]  In seiner Welt ist er jenseits. Er ist selber das Paradox: Seine Gottheit ist diesseitig, sein Jenseits hier und jetzt, sein Alltag ist seine Offenbarung, seine Erkenntnis Ironie, denn „jeder Philosoph, der die Immanenz gegen die empirische Person geltend macht, ist ein Ironiker“[14]. Er partizipiert an der Ewigkeit, indem er weiß, daß er nur vorläufig ist.

Es ist die Anschauung des hier-und-jetzt-Gegebenen sub specie aeterni - so „als ob“ es ein Unbedingtes zu vergegenwärtigen habe -, die die Romantiker Ironie genannt haben. „Der Humor, als das umgekehrte Erhabene, vernichtet nicht das Einzelne, sondern das Endliche durch den Kontrast mit der Idee.“[15]  Gemessen an der ‚unendlichen Aufgabe’ wird alles Reale, jedes einmal fertige Produkt, das im Raum und in der Zeit vorkommt, komisch: Verglichen mit dem, was es vorstellen soll, wirkt es gemein - und rührend zugleich.

                                          

„Ironie ist die Form des Paradoxen“, sie repräsentiert den „unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und Bedingten“[16]. Durch sie erst „wird das eigentümlich Bedingte allgemein interessant und erhält objektiven Wert“[17]. „Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst hinweg.“ [18]

                         

Wo das empirische Ich aus sich heraustritt, sich über sich hinwegsetzt und von dort aus - auf sich zurückblickt: dort reden wir von Reflexion. Permanente Reflexion ist der Charakter der bürgerlichen Existenz. Sie ist deren reale Ironie, auch bei einem, dem aller Humor abgeht.

                                        

Mann ohne Eigenschaften

                                    

Was immer er erreichen will, es ist immer nur der nächstbeste Schritt auf seinem Weg ins Unendliche. Und hat er was erreicht, kehrt es sich gegen ihn als die nächste Schranke auf seinem Weg. Es hält ihn auf, es hält ihn fest, es schmiedet ihn an... das Endliche. Das richtige war es nur, solange er es nicht hatte. Kaum hält er es in Händen, da ist es schon falsch. „Das Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite.“[19] Was immer er hat, es ist nicht genug. Immer ist er auf dem Weg zu einem andern Ufer. Und wo er sich niederläßt, da - schwebt er nur.

Was er je geworden ist - gemessen an dem, was er alles nicht ist, ist es viel zu wenig. Alle Eigenschaften, die er haben kann, sind ebensoviele Einschränkungen seiner Möglichkeiten: weniger Reichtum als Mangel. Seiner Bestimmung gerecht wird er erst als Mann ohne Eigenschaften. „Kinder sind deshalb am schönsten“, meint Hegel, weil „das Kind in seiner Lebhaftigkeit als die Möglichkeit von allem erscheint“.[20]

                                            

Das Kind ist das Urbild des modernen Menschen: Es hat noch keine Eigenschaften. Es fühlt sich im Möglichen nicht minder zuhaus als im Wirklichen; eher mehr. Sein - um mit Robert Musil zu reden - Möglichkeitssinn ist ihm präsenter als sein Wirklichkeitssinn: „Alles könnte auch ganz anders sein.“ Darum wurde das Kind zur großen Entdeckung der Romantik: „Der frische Blick des Kindes ist überschwänglicher als die Ahndung des entschiedensten Sehers“, und „ein Kind ist weit klüger als ein Erwachsener: das Kind muß durchaus ironisches Kind sein“.[21]

                                  

Aber auch als Urbild ist es doch bloß ein Bild.

                                 

Mögen es sein frischer Blick und der „leichte Sinn für das Zeitliche“ (Fichte) auch auf vertrauten Fuß mit dem Unendlichen setzen - aber es ‚strebt’ ja nicht in der Welt, die „der Fall ist“. Sein Überschwang hält sich in den Grenzen einer ‚Welt’ ad usum Delphini: einer Kunstwelt des harmlosen Scheins. Da kostet es nichts, sich alles „ganz anders“ zu denken. Es ist Gedanken-Spielerei.

                                        

Unternehmer an der Grenze

                                     

Wirkliches Streben in der Welt der Tatsachen ist Arbeit, nicht Spiel. Der Mensch, der bloß arbeitet, wird zum Philister. Er arbeitet, um sich an seiner Statt einzurichten. Er strebt, um zu haben. Er ist Krämer. Ein Unternehmer ist der, dem am Gewinnen noch mehr gelegen ist als am Gewinn.

                                

Der eine mag typisch sein für unsere lausigen bürgerlichen Zustände; nämlich sofern alles beim Alten bleibt. Der andere ist charakteristisch für das bürgerliche Geschehen - insofern nämlich, als alles neu werden muß. Der Unternehmer ist ein Spieler in der Welt der Tatsachen. Er hält die Revolution permanent. Er ist der Romantiker, der sein Sach auf Nichts gestellt hat: der „auf eigne Faust lebende Mensch“[22].

                                     

Wo er nicht ist, dort ist sein Glück, und dahin ist er immer unterwegs. Er hat alles stets noch vor sich. Er lebt an einer Grenze, die nur da ist, damit er sie übertritt.

So weit als die Welt

So mächtig der Sinn

So viel Fremde er umfangen hält

So viel Heimat ist ihm Gewinn.[23]

Das ist das Menschenbild, das der Erziehung an der Jahrtausendwende vorzuschweben hat ; als Stachel, nicht als zu erfüllendes Maß. Nicht als Vorbild, wonach der Pädagoge seinen Zögling modelt, sondern als ein Gleichnis, in dem er sich selbst erkennt. 

Wenn nicht einmal die Pädagogen Unternehmer wären - ja wer denn dann?

 

im Mai 1992

 



[1] Fichte, J. G., Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, Hbg. 1979; ders., Wissenschaftslehre 1805, Hbg. 1984;  Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bd. 3; Erg.-Bd. I; Berlin 1983; 1968

[2] Marx, K., und Friedrich Engels, Werke, Bde. 23-25, Berlin 1970-74 ; Bd. 42, Berlin 1983

[3]  Bachelard, G., Poetik des Raumes, Ffm. 1987, S. 188

[4] Eckart, Meister Johannes E. : Deutsche Predigten und Traktate (Hg. J. Quint) München 1979, S. 160

[6] Novalis, Werke, Bd. I, Zürich. 1945, S. 208

[7]  Musil, R., Der Mann ohne Eigenschaften, Hbg. 1960, S. 869

[8] Novalis, aaO, S. 172

[9] Fichte 1984, S. 39

[10] Schelling, F. W. J., Werke, Bd. I, Ffm 1985, S. 193

[11] Musil aaO, S. 138f

[12] ebd., S. 234

[13] Novalis aaO, Bd. II, S. 10

[14] Marx 1968, S. 221

[15] Jean Paul (Richter, F.), Werke Bd. IV, Leipzig-Wien o.J. (Bibl. Inst.), S. 173

[16] Schlegel. Fr., Werke Bd. I, Berlin-Weimar 1980, S. 172, 182

[17] Novalis aaO, Bd. II, S. 17

[18] Schlegel aaO, S. 182

[19] Meister Eckart aaO, S. 196

[20] Hegel, G. W. F., Ästhetik Bd. I, Berlin-Weimar 1955, S. 153

[21] Novalis aaO, Bd. III, S. 63, 263

[22] Musil ebd., S. 130

[23] Brentano, Cl., Godwi, In: Werke (Hg. Kemp), Bd. 2; München 1963-68; S. 17

    



                                                   


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