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vita


geb. 1947 in Berlin

1966-72 Studium d. Philosophie & Geschichte an der Freien Universität

seit 1972 berufstätig als Sozialpädagoge in Berlin und Frankfurt a.M.

1976-83 Heimerzieher in Frankreich,

Département Essonne

1979 Dipl. Soz. Päd. „als Nichtstudierender“ an der FH Darmstadt

1984-89 für mehrere Berliner Jugendämter als Familienhelfer tätig,

zugleich erneutes Philosophiestudium an der FU Berlin

1990-1995 Geschäftsführer der Diaphora. Gesellschaft für neue Erziehung mbH (Kinderhaus Little space in Friedrichshain)

1996-1999 freier Autor

2000-2005 Geschäftsführer der Freunde des Landschulheims   Fürstlich Drehna e.V.

                         

*

Ich bin nicht von der Philosophie zur Pädagogik gekommen, noch gar von der Pädagogik zur Philosophie. Fragen nach Woher und Wohin der Welt und des Menschen – in dieser Reihenfolge – haben mich beschäftigt, seit ich denke. Darum musste ich meine Studienfächer nicht erst "wählen" – sie waren schon da. Doch bald wurde klar, dass ich daraus keine Erwerbsweise machen könnte, dafür sind sie und ich ungeeignet. Auch die Pädagogik habe ich nicht "gewählt" Ich bin da seinerzeit fast reingerutscht – "bis mir was besseres einfällt". Dann kam die Zeit, als man auch diesen Beruf nicht länger ohne Diplom ausüben konnte. Ich hatte ihn nicht gewählt, aber nun stand die Frage, ob ich dabei bleiben sollte. Etwas besseres war mir nicht eingefallen, und er war mir fast ein bisschen lieb geworden. Einen bestimmten Grund, etwas Neues anzufangen, gab es nicht, und so habe ich mir "als Nichtstudierender" ein Sozialpädagogen-Diplom zugelegt.

  

Mein "Fach" ist die Pädagogik dadurch nicht geworden. Ich hatte stets Zweifel, dass es sich um ein "Fach" überhaupt handle, und meine Diplomprüfung hat mich vom  wissenschaftlichen Rang dieses Metiers auch nicht überzeugt. Ich hatte die stille Vermutung, dass Philosophie, wenn sie überhaupt etwas taugt, mich auch in den Stand setzen müsste, mich im pädagogischen Alltagsgeschäft ohne ein Rezeptbuch zu orientieren. Nicht, indem sie mir Verfahrenstipps an die Hand reichte, sondern indem sie mir die Augen öffnete, was im Leben recht und was falsch, was wichtig und was unwichtig ist; dass sie also meine Urteilskraft ausbildete. Der Rest würde sich finden. Auf gute drei Jahrzehnte Berufstätigkeit zurückblickend, stelle ich fest: Ich habe mich nicht getäuscht. Aber auf der andern Seite hat mich der pädagogische Alltag dazu angehalten, auch die abstrakteren Spekulationen jederzeit in eine Handlungsperspektive einzuordnen. Man soll’s nicht glauben: Das erlaubt nicht nur, Fragen neu zu formulieren, sondern sogar, Antworten zu finden.

                                                       

Denn "von berufswegen" habe ich es nicht mit dem zu tun, was sich in der bürgerlichen Welt von selbst versteht (und sich gegen mein Verstehen sperrt), sondern war jahrelang täglich ihrer beiden großen Irregularitäten gewärtig: Kindheit und la folie. Und die haben mich auf die Fährte gesetzt, wie ‚Ich’ und ‚Welt’ durch eine ursprüngliche Ent-Scheidung, eine Ur-Teilung aus einem zuerst einförmigen Erlebensbrei hervorgebracht werden. Will man die pädagogischen Fragen radikal stellen – radikal sein heißt die Dinge an der Wurzel packen -, dann muss man sie philosophisch stellen: das ist eine Erfordernis der Praxis.


Wie unmittelbar das gilt, wurde mir zuerst bei der Niederschrift eines meiner frühesten pädagogischen Texte deutlich. Siehe unten: Wenn es sich bei der Welt des Irren um das Privatphantasma eines Einzelnen handelt - handelt es sich dann bei der wirklichen Welt der Normalen um mehr als um ein öffentliches Phantasma der Allgemeinheit? Und wäre der Unterschied dann gar kein ontologischer, sondern bloß ein... pragmatischer!

                                   

                                      

Die weiße Frau im Kinderheim Sozialpädagogen auf der Jagd nach dem gestörten Kind

                     

                                   
zuerst erschienen im Lehrbuch Erziehung verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher, Hg. H. Kupffer u.a.; Heidelberg 1992; Seiten 161-174

Je weniger eine Disziplin auf gesichertem Wissen beruht, umso mehr lebt sie von ihren Selbstverständlichkeiten. Was wir heute „die Pädagogik“ nennen, ist dafür ein Paradebeispiel. Und die Sozialpädagogik ist, auch in dieser Hinsicht, ihre zur Kenntlichkeit verzerrte Karikatur. Werden aber die Selbstverständlichkeiten einmal ausgesprochen(wenn einer aus der Schule plaudert), dann ist das Geschrei groß; so groß wie das Gelächter des Publikums.

                              

Was sich von selbst versteht

                                

Die erste Selbstverständlichkeit der Sozialpädagogik ist, dass sie es mit dem „gestörten Kind“ zu tun hat – oder doch immerhin mit dem „potentiell“ gestörten. So selbstverständlich, dass die Umkehrung gilt: Bekommt ein Kind erstmal mit der Sozialpädagogik zu tun, so definiert es sich dadurch als – gestört.

                                      

Paradigma der Jugendhilfe und folglich auch der aus ihr hervorgegangenen Fachdisziplin war und ist: das Kinderheim. Aber natürlich will das keiner wahrhaben. Gilt denn nicht, ganz im Gegenteil, „das Heim“ unter den Professionellen als das in jedem Fall zu Vermeidende? Eben: War einst das Heim die Quintessenz der Jugendhilfe – in der DDR noch bis zu ihrem letzten Tag -, so ist es heute ihr Buhmann. Aber das ist dasselbe in grün. Denn nach wie vor kreist die Phantasie der Sozialpädagogik um diesen ihren wunden Punkt – und wie man daran vorbeikommt.


"Fremdunterbringung nach Möglichkeit vermeiden“ ist geltendes Programm in fast allen Jugendämtern unserer Republik. Und erst, wenn sonst gar nicht mehr geht, wenn alle ambulanten Möglichkeiten erschöpft sind, dann kann, im äußersten Notfall, Heimunterbringung erwogen werden: weil nämlich das Heim heute nurmehr als heilpädagogisch qualifizierte Angebot vertretbar ist; [1] also wenn das Kind schon so „gestört“ ist, dass Heilung nottut! Bei Licht besehen ist eben das Kinderheim doch nicht bloß die Vogelscheuche im System der Jugendhilfe, sondern auch sein krönender Abschluß.

                      

Gegenstand der Sozialpädagogik ist das gestörte Kind. Das Heim ist sein privilegierter Ort: Da trifft man es in vollendeter Gestalt. Wer aber ist das „gestörte Kind“? Ich sage es gerade heraus: Es ist ein Phantom. Es ist wie die weiße Frau des Hauses Hohenzollern. Viele wollen sie gesehen haben, aber keiner weiß, wer sie ist, woher sie kommt, was sie will. Nur eins glaubt man zu wissen: Ihr Erscheinen kündigt stets bedeutende Dinge an.

 

In der Vorhölle der Psychiatrie

                               

„Es wird schon seinen Grund haben, wenn ein Kind im Petit Sénart ist“ – das war der Lieblingsspruch im Centre Médico-Psycho-Pédagogique Le Petit Sénart,[2] wo ichdeutscher Sozialpädagoge, in den Jahren 1979-83 als Gruppenerzieher tätig war; eine Piloteinrichtung aus der Regierungszeit des Präsidenten Pompidou und ein Beispiel für seine Gigantomanie: riesenhaft, hyper-„differenziert“ in x spezialisierte Dienste für alle erdenklichen Fallmerkmale, und vor allen Dingen: therapeutisch! Es war an alles gedacht, und für die nötige Professionalität sorgten „pluridisziplinäre Equipen“, wo vom Nervenarzt bis zum einfachen Erzieher jede Qualifikation vertreten war.


Die (inoffizielle) Mission des Zentrums war, die Einweisung von Kindern in die regulären Irrenhäuser zu vermeiden, und die erfüllte es auch mit Erfolg; aber um den Preis, sich selbst als eine Art Vorhölle der Psychiatrie aufzuführen. Wenn irgendwo, dann musste man das „gestörte Kind“ hier finden: Hier trat es „rein“ auf und in hoher Konzentration. Und hier entpuppte er sich als das kollektive Phantasma einer selbstherrlichen Institution.

                                   

Die häufigste Vokabel auf den (zahlreichen) Sitzungen war la folie, der Irrsinn. Dennnach der gesetzlichen Definition nahm Le Petit Sénart Kinder auf, die „Störungen des Charakter aufweisen, präpsychotisch oder gar psychotisch sind“. Kinder mit gewöhnlichen „Verhaltensauffälligkeiten“ kamen gar nicht erst bis zu uns. „Es wird schon seinen Grund haben…“ Und als die 12jährige Sophie sich auch nach Monaten noch „auffällig normal“ (sic) benahm, war eine Kollegin davon so beunruhigt, dass sie zu einer Psychotherapie riet.[3]

                         

Der therapeutische Blick

                          

Eigentlich sind Asyle dieser Art pathogene Orte par excellence. Es ist der therapeutische Blick, der hier Tag und Nacht auf den Insassen lastet, welcher sie buchstäblich krank macht: Unterm Blick des behandelnden Professionellen findet immer das Beachtung, was er als „Symptom“ deuten kann; das versteht er. Alles andere ist belanglos: Es braucht ja nicht erst verstanden zu werden, und also hat es professionell keine Bedeutung; man kann es allenfalls nebenhin zur Kenntnis nehmen, aber eigentlich auch das nur privatim: Als Professioneller ist er für das Deuten zuständig – das andere können Hinz und Kunz ja auch.

                                 

„Real“ ist in diesem Klima das Krankhafte – oder was so aussieht; das andere ist unwirklicher Schein. Es bleibt nicht aus, dass sich die „Betroffenen“ diese Wertungzu eigen machen: zu groß ist das hierarchische Gefälle zwischen Behandelnden und Behandelten, als dass die unten sich lange leisten könnten, denen oben einen eigenen Wertekanon entgegenzuhalten. Die unten sind jeder für sich, aber die oben halten zusammen wie Pech und Schwefel.

                                         

Le Petit Sénart hätte ein pathogener Ort sein müssen. Eigenartigerweise war er das nicht. Es kam vor, daß sich das Befinden eines Kindes während des Aufenthaltes im Heim erkennbar verschlechtert hätte. In den meisten „Fällen“ änderte sich wenig. Aber in einer beachtlichen Minderzahl trat eine sichtbare Verbesserung im Befinden der Kinder ein, teilweise auch in den familiären Situationen. Im Durchschnitt kehrten die Kinder nach zwei Jahren wieder in ihre Familien zurück.

                                        

Irgendwie muß Le Petit Sénart trotz allem therapeutisch gewirkt haben. An den therapeutischen Qualitäten der Behandlung kann es nicht gelegen haben: die gab es nicht. Sie kamen nur in den Dienstbesprechungen vor. Im Heimalltag wurde, wie überall sonst, mal schlecht, mal recht improvisiert – jeder, wie er’s verstand. Sicher war der benebelnden therapeutische Diskurs in Munde vieler ErzieherInnen (unsere Psychiater waren da viel zurückhaltender) immer wieder ein Hindernis bei der Bewältigung der Alltagsaufgaben, und sicher machte die eitle Pose der einen oder des anderen die Zusammenarbeit oft zur Qual. Aber unterm Strich regierte auf weiten Strecken der Zufall der blinden Routine, und auf kürzeren Strecken auch mal der gesunde Menschenverstand. Aber eine therapeutische Konzeption regierte nicht.

                               

Wie das Phantom erschien     

                                     

Und doch kann man verstehen, was im Petit Sénart therapeutisch wirkte. Freilich kommt es darauf an, unter „Therapie“ das rechte zu verstehen. Der landläufigen Vorstellung von Therapie liegt die Vorstellung von einem Handelnden und einem Behandelten zugrunde – nach dem Vorbild des Arztes im Verhältnis zu seinem Patienten: jener ist dann krank, und dieser macht ihm seine Krankheit weg.

                             

Ich will an dieser Stelle nicht die Frage erörtern, ob und wieweit seelische Leiden oder „Störungen“ überhaupt mit körperlichen Krankheiten zu vergleichen sind. (Es ist übrigens auch weitgehend eine weltanschauliche Frage, nicht so sehr eine wissenschaftlich-theoretische.) Wir haben es hier ja nicht mit seelischenStörungen überhaupt zu tun, sondern mit dem „auffälligen“ Kind. Und an diesem ist ganz besonders auffällig, dass es in den Lehrbüchern und Nachschlagewerken der Psychiatrie so stiefmütterlich behandelt wird. Das Kapitel über „Kinder- und Jugendpsychiatrie“ ist dort in aller Regel, wenn nicht stets das kürzeste, so doch das schwammigste und undeutlichste.

                                 

Der Grund mag folgender sein: Die psychiatrische Nosologie und Nomenklatur ist von den spektakulären Formen der ausgereiften Geisteskrankheiten ausgegangen: den Schizophrenien namentlich. Sie bilden bis heute nicht nur den Schwerpunkt der psychiatrischen Klinik, sondern auch den natürlichen ausgezeichneten Bezugspunkt der psychiatrischen Theoriebildung. Die „kindlichen Störungen“ sehen aus dieser Perspektive dann immer so aus wie mehr oder minder unentschlossene, unreine, „unentwickelte“ Frühformen der ausgewachsenen Psychosen. Der suchende Blick des Psychiaters rechnet auf etwas, was ihn an die ihm wohlbekannten Spielarten erwachsenen Irreseins erinnert – und findet es in den seltensten Fällen. Es ist ja direkt „auffällig“, wie selten in den Anamnesen erwachsener Geisteskranker kindliche Auffälligkeiten anzutreffen sind! Gewiß, der forschende Diagnostiker findet hinterher immer irgendwas – weil er ja danach sucht. Aber bemerkenswert ist: Die wenigsten erwachsenen Schizophrenen sind im Kindesalter als „unnormal“ aufgefallen.

                                   

Also kann die kindliche Störung nicht einfach das Larvenstadium der ausgewachsen Psychose sein. Es handelt sich offenbar um etwas ganz anderes. Die Psychiatrie hilft sich aus ihrer Verlegenheit, indem sie der Sache einen Namen gibt. Vokabeln wie „Psychopathie“ oder – in Amerika – „Soziopathie“ sind so was wie die Hölle des Schneiders: Dahin lässt er alle Fetzen fliegen, mit denen er nichts anfangen kann.

                           

Wenn es indessen sinnvoll ist, die Geisteskrankheiten aufzufassen als einen „pathologischen“ (d. h. zwanghaft erlittenen, nicht freiwilligen) Rückzug aus der Welt, wie sie ist – nämlich im Urteil der normalen Allgemeinheit erscheint -, in eine verkehrte Welt des Wahns, dann kann es nicht sinnvoll sein, die kindlichen „Störungen“ schon unter dieselbe Kategorie zu fassen. Denn während die Psychose ein dauerhaftes Arrangement, ein Modus vivendi darstellt, einen stabilen Kompromiß, wie ich mit der Welt, wie sie ist, leben kann, ohne in ihr leben zu müssen, „fällt“ das Kind ja gerade „auf“, wenn es sich nicht arrangiert.[4]Wenn es sich nämlich noch lange nicht damit abgefunden hat, dass nicht die Welt sich ihm, sondern es selbst sich der Welt anbequemen muß.



Die kindliche Störung ist regelmäßig eine Kampfstellung, die noch nicht kapituliert hat. Und da derjenige Ausschnitt von der Welt, den das Kind zu Gesicht bekommt – eben die Zelle, in der es beschlossen ist -, seinen Kampf oft genug rechtfertigt, ist es ganz verfehlt, pauschal von einer krankhaften Reaktion zu reden. Die Frage ist auch nicht einfach, wie sehr das Kind leidet. Denn krankhaft ist nicht das Leiden selbst, sondern der Zwang zum Leiden. Solange das Kind noch leidet, weil es im akuten Konflikt mit seiner Welt ist, kann der Kampf noch so oder so ausgehen – und sogar als gegenstandslos untergehen. Noch sind die „Ursachen“ der „Störung“ in ihrem Verlauf präsent, liegen offen zu Tage. Und erst, wenn sie so weit verinnerlicht wurden, dass sie als Selbstrenner phantasmagorisch weiterwirken unabhängig von ihrer realen Gegenwart; wenn also Kampf und Leiden chronisch geworden sind, dann bekommt das Urteil „pathologisch“ einen fassbaren Sinn. Wenn es nicht mehr aufhören kann, selbst wenn es wollte - dann mag man von „Therapie“ reden.


Wie weit die Chronizisierung fortschreiten kann, ist allerdings eine Frage des Trainings: je öfter, je länger, umso sicherer. Das ist eine Frage der Situation – und wie lange sie dauert. Die Therapie ist eine Sache von Wo und Wann. Wenn also der Erzieher seine Arbeit als ‚therapeutisch’ bestimmt, muß er dabei gewärtig bleiben, dass er es nicht mit einem Zustand zu tun hat, sondern mit einem Geschehen, das sich im Fluß befindet. Dass nämlich das Kind die Entscheidung, ob es sich in eine krankhafte Dynamik ein lassen will, noch nicht getroffen hat. Dass er also nicht einen konsolidierten Defekt im Kind zu reparieren hat, sondern dass sein „heilendes“ Eingreifen auf „Ursachen“ zielt, die im Spannungsfeld zwischen dem Kind und der Außenwelt liegen. Wohlbemerkt: im Feld, das dazwischen liegt, zwischen dem Kind und der Welt; oder auch: in der Welt, wie sie für das Kind ist“.

                       

Denn es sind ja nicht die Tatsachen, wie sie an sich sind (das, „was der Fall ist“), welche die auffälligen Reaktionen des Kindes auslösen, wie in einer blinden, quasi vegetativen Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen; sondern es sind die Bilder, die sich das Kind von diesen Tatsachen macht, die es dazu bewegen, auffällig zu handeln – nämlich wenn sein Bild von der Welt „auffällig“ abweicht von dem Bild, das die Welt sich von sich selber macht.

                                 

Also das Wirkungsfeld des Pädagogen ist nicht einfach die Welt, „wie sie ist“, sondern die Welt, wie sie in der Vorstellung vorkommt. Und der Knoten, der das Netzwerk der Figuren zusammenhält, aus denen ich mein Weltbild knüpfe, ist das Bild von mir in  der Welt. Aber diese beiden – sowohl das Bild von mir als auch das Bild der Welt – sind vorbestimmt von dem Bild, das die Andern von mir und der Welt schon immer haben. Der Mensch macht sich sein Weltbild zwar selbst, aber nicht aus freien Stücken; die Stücke, die er beim Bilden verwendet, hat er vorgefunden: er tritt in eine Welt, die immer schon – von Andern - gedeutet  ist; tritt in ein Geflecht von Sinngebungen, die abwechselnd aufeinander verweisen. Dieses vorgefundene Weltbild ist der Fundus, aus dem sich das Subjekt die Figuren holt, die es dann zu „seiner“ Welt zusammensetzt. Es blickt selber in Welt – aber wie in einen Spiegel.

                            

Hier sind wir bei der Schlüsselrolle, die die Familie in der Heranbildung der kindlichen Persönlichkeit spielt: die Andern, aus deren Bildvorrat es sich „seine“ Welt baut, das sind die, die ihm zuerst am nächsten waren: die Eltern und die Geschwister. Und noch bevor es sich selbst ein Bild macht, kennt es das Bild, das diese andern von ihm schon hatten. Und das macht die Familie zum fruchtbaren Boden für Störungen aller Art.

                         

System Familie

                           

Für das Kind ist seine Familie ein geschlossenes System, von dessen Warte es die übrige Welt als ein inkohärentes Einerlei von Fremdem erblickt. Die Familie eröffnet ihm nicht nur seine ersten Einsichten in dieses abstrakte Chaos; sie gewährleistet ihm vor allem die Sicherheit seines eigenen Blickpunkts durch die Sicherung der sozialen Bezüge. Insofern steht sie in einem Gegensatz zur Welt, die ihm, als fremde, unsicher erscheint. Und dieser Unterschied macht die gewaltige sozialisierende und charakterbildende Bedeutung der Familie für den Heranwachsenden aus. Die Sicherheit seines Standorts im familialen System erlaubt es ihm, die Welt nicht nur als bedrohlich, sondern auch als interessant zu erleben.

                              

Diese sichernde Funktion der Familie ist aber nicht zu verwechseln mit den notwendig leidenschaftlichen Beziehungen, die das Kind mit seinen Eltern und Geschwistern unterhält: diese sind gewissermaßen „schicksalhaft“; jene ist es nicht. Denn auch historisch sind jabeide nicht identisch. Ihre spezifisch sozialisierende, weil psychoökonomisch sichernde Bedeutung ist der Familie erst in der Moderne zugewachsen; in demselben Maß, wie die bürgerliche Welt insgesamt unsicher geworden ist – als jenes offene Universum, wo ich meinen Ort immer erst suchen muß.

                                 

Aber faktisch bilden in der modernen Familie beide Dimensionen – die leidenschaftliche wie die sozialisierende – ein System kommunizierender Röhren. Wird die sichernde Rolle der Familie defizient, dann hören ja nicht etwa die Leidenschaften auf; aber sie verändern ihre Färbung. Und umgekehrt stellen „kranke“ bzw. kränkende Leidenschaften die sichernde Funktion in Frage. Es liegt auf der Hand, dass gerade diese Verquickung beider Dimensionen den Boden für pathologische Verwicklungen aller Art bereitet: indem auf jede Störung in dem einen Bereich der jeweils andere als deren Verstärker wirkt.

                             

Die Parabel vom schlimmen Kind

                           

Nicht, dass es in einer Familie Konflikte gibt, macht die familiäre Situation pathogen; denn krankhaft ist ja nicht das Leiden selbst: das gehört zum Leben. Krankhaft ist erst der Zwang zum Leiden, und pathologisch wird das familiäre Geschehen in dem Maße, wie das Leiden zwanghaft wird. Wie aber kommt es zu dem Zwang? Wo die Konstellation der Leidenschaften in der Familie so beschaffen ist, dass die jeweils nächste Krise erfahrungsgemäß unausweichlich erscheint; wo derart die Krise latent wird; dort wird schließlich das Warten selbst zur Qual, die Spannung wächst ins Unerträgliche, und wenn es dann„endlich wieder so weit ist“, wird der Ausbruch mit Erleichterung begrüßt: als Entladung und Entspannung. Nun beherrscht das Warten auf die Krisis den familiären Alltag, das Warten wird zur Erwartung, der Paroxysmus wird zu Erfüllung: die Krise ist endemisch geworden.

                                    

Und nun gibt es immer einen, der das Warten weniger verkraftet als die andern; und der wird den Eklat zielstrebig beschleunigen und wirkt daher wie dessen Urheber, der nicht der Familie, sondern auch dem Beobachter als der eigentlich „gestörte“, weil störende Faktor im System erscheint. Und das ist in einem gewissen Sinne auch nicht einmal falsch – insofern nämlich, als es sich sicher um das schwächste Glied der Konstellation handelt; denn er hatte dem Erwartungsdruck als erster nachgegeben. Er wird nun auch derjenige sein, dem sie ihre Qualen gebündelt auf die Schultern packen, dass er sie, wie ein Kreuz, stellvertretend für alle trage. Wie kann er jetzt noch anders reagieren, als auszuweichen in eine nunmehr tatsächlich pathologische Dynamik?


Vom völligen Ausstieg aus der Welt der Tatsachen – den sog. Psychosen - rede ich hier nicht. Ich rede von jenen Fällen eines krankhaften Arrangements mit den Tatsachen – und zwar krankhaft insofern, als es die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat: durch phantasmagorische Umdeutung der (familiären) Gegebenheiten, [5] durch jene „Privatlogik“, die das falsche Verhalten „begründen“ soll, aber zugleich, als dessen Rechtfertigung, zum stabilisierenden Faktor des Familiengeschehens wird – indem sie nämlich seinen pathologischen Charakter stabilisiert. Die Identifizierung und Auszeichnung dieses schwächsten Gliedes als schwarzes Schaf gehorcht einer eigenen Ökonomie, die es näher zu beleuchten gilt, da sie uns darauf verweist, an welcher Stelle der „therapeutische Eingriff“ anzusetzen hat. Die Schwäche des schwarzen Schafs war es ja gewesen, das Warten nicht auszuhalten.


Mit dem Warten hat es aber nun eine eigene Bewandtnis: es fügt dem Leiden das Bewusstsein des Leidens hinzu – und die quälende Frage: warum? Das ist es, was das Warten so unerträglich macht. Dagegen ist der Paroxysmus, als Freisetzung aller angespannten Energien, zugleich ein Moment höchster Aktivität, in dem das Subjekt sich tätig erlebt – und eben nicht leidend. Die dynamische Quelle der Chronizisierung, des Wiederholungszwangs, und schließlich des pathologischen Absturzes, ist das Streben, durch Installierung einer akuten Dauerkrise den Schein permanenter Tätigkeit aufzuführen, um das Leiden nicht wahrhaben zu müssen. Wobei die Tragödie des schwarzen Schafes dies ist, dass es sein Leidensgefühl immer nur unvollkommen betäuben kann, dass sein Stratagem es aber auf der anderen Seiten seinen Mittätern im pathologischen Prozeß erlaubt, sich auf seine Kosten schadlos zu halten und all ihr eigenes Elend auf ihn zu projizieren. Und insofern ist es auch gerechtfertigt, das „gestörte“ Kind nicht bloß als Indikator, sondern auch als Opfer einer pathologischen Konstellation anzusehen.

                     

Opfer und Bürge

                       

Als Opfer ist es aber eben nicht nur Indikator, sondern auch konstitutives Element des krankhaft veränderten familiären Systems. Und das erklärt den so regelmäßigen Widerstand der Familien gegen die Anmutung, sich von ihrem Schmerzenskind trennen zu sollen, und die wachsende Vorliebe für „ambulante“ Maßnahmen. Denn die Entfernung dieses ihres Zeugen reißt eine Lücke in den pathologischen Funktionszusammenhang und zwingt die Familie, sich auf die veränderte Situation umzustellen – was schlechterdings nicht möglich ist, ohne auf die vorherige Situation zu reflektieren. Und mag man sich bei dieser Reflexion auch gegenseitig etwas vorlügen, so ist das so teuer erkaufte Gleichgewicht der familiären Ökonomie erst einmal dahin.

                                          

Und das ist die Bedingung dafür, dass die Familie eine Anstrengung zur Selbstheilung überhaupt ins Auge fassen kann – wenn auch noch keine Garantie für deren Erfolg. Der Heimaufenthalt ist darum nicht allein als ein eingriff in das Lebend des Kindes zu betrachten, sondern im selben Maße als ein Vorstoß ins Innere der Familie selbst. Die Versetzung des Kindes in eine völlig neue Lebenssituation dynamisiert nicht nur dessen stereotyp verhärteten Verhaltensweisen, sie dynamisiert zugleich die verhärtete Familienkonstellation.

                                              

Und gerade dafür lieferte Le Petit Sénart den schlüssigen Beweis – freilich e contrario. Neben dem Internat (Wochenheim) gab es da nämlich auch noch ein Externat (Tagesheim). Nach der landläufigen Regel, wonach Fremdunterbringung nur als letzter Versuch in Frage kommt, hätte man erwarten sollen, dass sich die „schwersten“ Fälle im Internat, die „leichteren“ aber im Tagesheim gesammelt hätten. Aber das Gegenteil war der Fall. Während die achtzig Internatskinder, mit Ausnahme von drei bis fünf wirklich Verrückten, eigentlich nur mehr oder weniger „schwererziehbar“ waren, trugen die vierzig Externatsschüler ihre „Störung“ als sichtbares Stigma buchstäblich in Antlitz und Haltung eingezeichnet, so dass man ausnahmslos von weitem erkennen konnte, wer ins Externat ‚gehörte’ und wer ins Internat. Das Externat bot eine Konzentration schwerster Persönlichkeitsstörungen, während unser Internat eigentlich kaum etwas anderes als ein ganz gewöhnliches Kinderheim war (wenn auch eines mit einem Tagessatz von – damals – umgerechnet 300 Mark).

                                

Bezeichnenderweise war dieses Paradox im Petit Sénart ein Unthema. Es war tabu und bot allenfalls Anlaß für die Sarkasmen der Internatserzieher – außerhalb der Sitzungen. Die Erklärung war ja auch zu augenfällig. Je markanter die „Zeichnung“ des Opferlamms, umso schwerer die Schuld derer, deren Sünden es trägt. Je krasser das Symptom des Kindes, umso tiefer die Pathologie der ganzen Familie. Umso notwendiger, ihr das Opfer zu entziehen; umso heftiger aber auchihre Weigerung, es ziehen zu lassen. Das familiäre Wahnsystem bedarf der sinnfälligen Gegenwart seines Opfers – als des Zeugen, das ihm seine Realität verbürgt. Kommt er abhanden, droht das Kartenhaus einzustürzen. Wenn je Trennung indiziert ist, dann in solchen Fällen.

                                   

Warum also das Externat? Anstelle einer Begründung machte das Wort von der „leichten Institution“ die Runde, die das Externat im Unterschied zur „schweren“ Institution des Wochenheims darstelle – welche den kleinen Patienten nur eine neue, unnötige Bürde auferlege… Eine „leichte“ Institution ist das Tagesheim in der Tat, allerdings für die, die dort ihr Brot verdienen. Für die Kinder ist es die schwerere.

                      

 Zwischen Hammer und Amboß

                           

Da ist erstens die Last des therapeutischen Blicks. Den Tagesablauf im Externat können swich die Professionellen ohne Mühe als eine prolongierte therapeutische Sitzung vorstellen – acht Stunden mit einem deutlichen Anfang und einem deutlichen Ende. Man kann sich andauernd vorstellen, dort zu arbeiten am Symptom“. Wogegen im Heimalltag rund um die Uhr unvermeidlich alles andere, das Außerprofessionelle, das Gewöhnliche, eben das Normale immer wieder sein Recht verlangt und auch bekommt. Der Heimerzieher kann sich psychoökonomisch gar nicht leisten, selbst das verrückteste Kind nur als „krank“ anzusehen, ohne auf die Dauer selber einen Sprung in der Schüssel davonzutragen. Das Heim ist Alltag, bloß das Externat ist „Sitzung“.

                              

Und nachdem die Kinder im Externat dann acht Stunden lang einem Trommelfeuer therapeutisch zweckmäßiger Veranstaltungen ausgesetzt waren, dürfen sie in die Familie zurück, deren Kreuz sie tragen; kommt das Lamm zurück auf den Altar, wo es allabendlich geopfert wird. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass auf die „Arbeit mit der Familie“ – im Internat ein strenges Muß – im Externat kein so großer Wert gelegt wurde. Sicher ist sicher.

                                

Katharsis, acting out

                        

Unser therapeutisches Tagesheim musste zufrieden sein, wenn es gelang, den pathologischen Status quo zu stabilisieren – um jenen Modus vivendi dann als „Normalisierung“ zu beschönigen. Es begab sich des mächtigsten therapeutischen Hebels – der Trennung  als Katharsis. Die Trennung unterbricht schlagartig das chronisch gewordene familiäre Handlungsschema und spitzt auf unerhörte Weise seine Erlebnisqualität zu. Die Emotionen werden dramatisch aktiviert, und zugleich können sich im neu gewonnenen Abstand die Beteiligten zum erstenmal erlauben, das Empfundene zu… erleben.

                                 

Es ist dies kathartische Ereignis, das den Heimaufenthalt therapeutisch wirksam macht. Denn das alles findet nicht in der Vorstellung statt, sondern wird wirklich ausgetragen. Letzteres freilich nur, wenn das Kind einstweilen aus dem familiären Alltag entfernt, nicht jedoch aus dem leben der Familie abgeschafft ist: den als verfremdendes Moment kann die Entfernung des Kindes nur wirken, wenn es, durch regelmäßige besuchsweise Rückkehr, in der Vorstellung präsent bleibt. Und gerade weil solche Rückkehr das Befinden des Kindes und seiner Familie gleichermaßen „beunruhigt“, kann der Heimaufenthalt auf das familiäre Befinden reinigend wirken. Die umso eher, wenn professionell begleitete Familienkonferenzen dafür sorgen, dass die Dinge nicht vor der Zeit wieder ins (schiefe) Lot gebracht werden.

                                          

Die Entlastung der Familie und des Kindes vom allgegenwärtigen Druck einer akuten Dauerkrise zielt also nicht darauf ab, den Konflikt vergessen zu machen; sondern im Gegenteil, ihn in der Distanz zu verdeutlichen, zu objektivieren und zu vergegenwärtigen, um ihn produktiv bearbeiten zu können. Es geht nicht darum, die (selbst-) zerstörerischen Leidenschaften hinwegzukurieren, sondern darum, Lebensumstände zu schaffen, unter denen sie niemanden (mehr) zerstören können: weil sie aus dem Alltag „entfernt“ sind. Und der reinigende Effekt der Trennung bestünde nicht darin, den leidenschaftlichen Charakter der familiären Bindungen – etwa durch eine „klärende Aussprache“ – zu versachlichen zu einem kontraktlichen Modus vivendi; auch nicht darin, an die Stelle „schlechter“ Leidenschaften „gute“ zu setzen; sondern lediglich darin, wieder „normal“ mit einander verkehren zu können – wenn nämlich die Leidenschaften aus ihrer Verquickung mit den Rang- und Geltungsproblemen gelöst sind, die die familiären Alltagsgeschäfte aufwerfen, insoweit sie zugleich „Sozialisierungsprozeß“ sind. Ob sie mit ihrer Färbung dann auch ihren Charakter ändern, liegt ganz in der Hand der Familienangehörigen selbst. Was sie nicht fertigbringen, wird nun auch keine therapeutische Technik mehr vermögen.

                                       

Das muß aber auch nicht der Ehrgeiz der Therapeuten sein. Das therapeutische Ziel ist so umschrieben, dass der emotionale Kontakt zwischen Kindern, Eltern und Geschwistern wiederhergestellt und konsolidiert, und namentlich die Gefahr eines Kontaktbrucha durch Flucht in den Irrsinn abgewendet wird. Daß darüber hinaus die familiären Beziehungen so weit saniert werden, dass der Kontakt wieder im Alltag stattfindet, d. h. dass das Kind dauerhaft nach Hause zurückkehren kann, ist wünschenswert; ist aber an sich selber kein Kriterium für Erfolg oder Misserfolg des therapeutischen Programms.

                               

Eine situativeTherapeutik

                             

Ob und in welchem Maße ein Kinderheim fördert oder hemmt, hängt außer vom guten Willen der dort Lebenden auch noch von seiner inneren Verfassung ab. Dies ist eine situative, systemische Form der Therapeutik, wo es nicht so sehr auf dieses Wort oder jene Tat des einen oder des anderen bei der und der Gelegenheit ankommt, sondern auf den Charakter des ganzen Interaktionsflusses selbst. Ich habe das an anderer Stelle ausgeführt. [6] Hier sei nur das festgehalten: Es ist in dieser Perspektive direkt widersinnig, zur Grundlage des Heimalltags „familienanaloge Gruppen“ machen zu wollen, die dann, zwecks „intensivierter Betreuung“, auch noch besonders klein sein müssen. Es kann die Freisetzung der heilsamen Strebungen des Kindes nur behindern, wenn sich hier Leute an die Stelle seiner eigenen Eltern drängen wollen. Hier geht es nicht darum, die schlechte durch die gute Familie zu ersetzen. Es geht darum, im wirklichen einen Abstand zu legen zwischen den Alb von gestern und das heute je noch Mögliche. Darum, das Kind zu einem neue Wagnis zu verlocken. „Therapie“ heißt hier Ent-Bindung, Entlastung, Entlassung.

                                       

Da tut der Erzieher dann gut daran, das lästige Phantom des „gestörten Kindes“ aus seinem Kopf zu verjagen. Es erlaubt einer zweifelhaften Institution, sich ei n gutes Gewissen zu machen. Aber es hilft ihm nicht um einen Deut, das Kind, das er da in seinem Alltag trifft, besser zu „verstehen“. Er hat buchstäblich nichts davon, dass er es als Fall einer Regel zuordnet. Diagnostische Kategorien sind bestenfalls Metaphern, die erlauben, intelligente Fragen zu stellen. Antworten geben sie nicht.

                                         

Überhaupt ist der Erzieher ganz schlecht beraten, wenn er sein Augenmerk vor allem auf das heftet, was an dem Kind schlimm ist. Er sollte zusehen, dass er sich vielmehr all dem anderen zuwenden kann – dem, was nicht schlimm ist. Denn erst dann darf er darauf rechnen, dass das Kind seine Wendung mitmacht. Aber es ist wahr, dass das ein liberaler Ort sein muß, der einem erlaubt, vom Schlimmen und dem, was gestern war, abzusehen.

                                    

Eine faire Chance

                                   

Ich behaupte nicht, dass die therapeutischen Qualitäten einer geselligen Situation injedem Fall ausreichen. Es mag immer noch viele Fälle geben, wo die Blicke des Therapeuten in die Tiefe gehen, wo Geheimnisse zur Sprache gebracht werden müssen. Aber ich argumentiere, dass an der Stelle nicht angefangen werden darf. Denn in Wahrheit sind die Psychotherapien – und die introspektiven zumal – ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeit, der erst in Frage kommt, wenn seine Notwendigkeit erwiesen ist – weil die „leichteren“ Mittel erfolglos blieben.


Es wird höchste Zeit, wieder auf die „Schädlichkeit der psychologischen Atmosphäre“ aufmerksam zu machen, die Karl Jaspers schon 1911 benannt hat. [7] Schädlich gerade für Kinder, die vielleicht eben in der Entscheidung stehen, ob sie de n psychotischen Rückzug aus der Welt der Anderen wählen sollen oder nicht. Die „psychologische Atmosphäre“ bannt in einer Weise die ganze Aufmerksamkeit des Subjekts auf seine Not – und zieht sie ab von all dem andern -, die geeignet ist, den psychotischen Schub gerade herbeizuführen, den man dann hinterher hingebungsvoll „behandelt“. Es ist, als ob man einen, der am Abgrund steht, auch noch zwingt, hinunter zu sehen: ein sicheres Mittel, dass er stürzt. durch jene „Privatlogik“, die das falsche Verhalten „begründen“ soll, aber zugleich, als dessen Rechtfertigung, zum stabilisierenden Faktor des Familiengeschehens wird – indem sie nämlich seinen pathologischen Charakter stabilisiert. Die Identifizierung und Auszeichnung dieses schwächsten Gliedes als schwarzes Schaf gehorcht einer eigenen Ökonomie, die es näher zu beleuchten gilt, da sie uns darauf verweist, an welcher Stelle der „therapeutische Eingriff“ anzusetzen hat. Die Schwäche des schwarzen Schafs war es ja gewesen, das Warten nicht auszuhalten. 

                               

Ein psychotherapeutischer Eingriff zur Unzeit ist gefährlich. Schon für Erwachsene, umso mehr für Kinder. Er ist wirklichnur als letzter Versuch zu rechtfertigen, wenn alle andern Stricke gerissen sind. Es ist eine „schwere“ Maßnahme auch in dem Sinn, dass sie die Verantwortung für Heilung dem Kind allein aufbürdet. Die Familie sieht nur zu.

                                                    

Am Anfang muß der heilsamen Dynamik der Trennung  eine Chance gegeben werden – weil so die ganze Familie eine Chance hat. Kinderheime müssen so eingerichtet werden, dass sie nicht mehr Notnagel im hoffnungslosen Fall zu sein brauchen, sondern guten Gewissens als allgemeine Möglichkeit angeboten werden können: als ein nahe liegender erster Versuch, sobald die Probleme ernster werden – und um sich schwerere Geschütze später zu ersparen.

                              

                                       
                                                                                   


[1] So Flosdorf, P., selber ein Protagonist dieser Entwicklung (Hg.): Theorie und Praxis stationärer Jugendhilfe. Freiburg 1988

[2] in der Gemeinde Tigery im frz, Département Essonne, 30 km südlich von Paris                

[3]Sophie war normal; und während der ganzen  Aufnahmeprozedur hatte auch niemand etwas anders behauptet. Anlaß des Heimaufenthalts war ein strikt familiäres Problem rein faktischer, nicht psychodynamischer Art. Die Kollegin wusste das. Aber es sollte eben nicht sein.                                                                                                                                                                [4]  Es soll hier natürlich nicht bestritten werden, dass es auch psychotische Kinder gibt. Bestritten wird allerdings, dass die stabilisierte ‚endogene’ Psychose irgendwie typisch wäre für die sozialpädagogische ‚Klinik’.

[5] Der Übergang von ‚Umdeutung’ der Welt zum ‚Ausstieg’ ist fließend – so wie der zwischen ‚akut’ und ‚chronisch’.

[6] J. Ebmeier, Geselligkeit als Regel II, in: Neue Praxis 6/1990

[7] Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie. Berlin 6/1953

                      

                   

Weitere Texte zu Pädagogik und Sozialarbeit siehe unter:

http://groups.google.de/group/jochenebmeierpadagogik?hl=de


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